| Die Formulierung eines Notstandes |
Gläubige Muslime, die seit ihrer Kindheit eine religiöse Erziehung haben, neigen in der Regel nicht zu Radikalismus und es wäre ganz verfehlt, sie als potentielle Terroristen zu sehen. Bei Menschen, die im Glauben gefestigt sind, ist nicht die emotionale und soziale Isolation zu konstatieren, die eine günstige Voraussetzung für jede Form der Radikalisierung zu sein scheint. Neben individuell-spiritueller Erfüllung verspricht Religiosität auch soziale Anerkennung und zwar sowohl in der Heimat als auch im (zumeist konservativen) Kreise der Diaspora. Die Beachtung religiöser Pflichten erfordert regelmäßige Gemeindebesuche und hier wird ein religiöser Muslim schnell als „Bruder" bezeichnet. Das bedeutet, dass er ohne wenn und aber zu einem anerkannten Mitglied der Gemeinschaft avanciert, das mit der Solidarität aller Mitglieder rechnen kann.
Die Aussage, dass der Islam gewaltinhärent sei, stellt eine im Westen weit verbreitete Annahme dar, genauso, wie davon ausgegangen wird, dass besonders gläubige Muslime eher zu Radikalität und Intoleranz neigen, als ihre westlich orientierten oder liberaleren Glaubensbrüder. Dagegen betonen die meisten Muslime unermüdlich, dass „Islam" wörtlich „Frieden" bedeutet und von daher nichts mit Gewalt und Terror zu tun hat. Natürlich gibt es im Islam, so wie in anderen Religionen auch, sowohl ein Potential für Frieden und Nächstenlieben, als auch für Krieg und Aggression. Während der Westen von einem „Islam auf dem Marsch" ausgeht, fühlen sich die Muslime hinsichtlich ihres Glaubens in die Defensive gedrängt und klagen eher über einen generellen Rückgang der Religiosität innerhalb ihrer muslimischen Gesellschaften. Sie fühlen sich von der offensichtlichen Feinseligkeit des Westens dem Islam gegenüber angegriffen. Die Veröffentlichung und das Nachdrucken der Mohammed - Karikaturen in einigen europäischen Zeitungen und die darauffolgenden Protestwellen in der islamischen Welt gaben beiden Seiten Anlass, sich in ihren Annahmen bestätigt zu sehen.
Tatsächlich ist der „Islam auf dem Marsch" nur eine Randerscheinung gegenüber den islamischen Hauptströmungen. Die so genannten Dschihadisten glauben, dass sie sich in einer Situation des Notstandes befinden. Sie versuchen deshalb einen Islam zu konstruieren, der auf diesen Notstand angemessen reagieren kann. Es ist fast unnötig darauf hinzuweisen, dass die Religion ab einem bestimmten Moment als Beschleunigungsfaktor im Radikalisierungsprozess dient. Dennoch kann die Religion alleine keine Erklärung für die Entstehung und die Ausübung von Gewalt geben.
Wer die unten versammelten Biographien der mutmaßlichen Attentäter von New York, Madrid und London daraufhin untersucht, welche Rolle die Religion im Radikalisierungsprozess gespielt hat, stellt man fest, dass es sich häufig nicht um Menschen handelt, die ihre Kindheit und Jugend in Koranschulen verbracht haben, sondern um Menschen, die mit dem Westen sehr vertraut waren. Der Leser wird ausfindig machen, dass diese Biographien keineswegs arme, zurückgebliebene, ungebildete, unerfahrene und naive Menschen schildern, die ihr Leben in der religiösen Abgeschiedenheit verbrachten. Sie beschreiben eher Menschen, die Vieles erlebt haben, die Wanderer zwischen den Welten waren und die sich wohl hauptsächlich wegen ihrer Verunsicherung und Isolierung radikalen Organisationen anschlossen. Alle hatten unterschiedliche Lebensziele und -perspektiven vor Augen, ehe sie sich zu einer terroristischen Karriere entschlossen. Die Religion war nicht der Motivationsfaktor ihres terroristischen Handelns; sie wurde vielmehr in einem späteren Stadium zur Legitimierung dieses Handelns eingesetzt.
Noch etwas wird der Leser ausfindig machen: es handelt sich bei diesen Personen häufig um Konvertiten, welche die Religion erstmals entdecken, oder es sind Re-Konvertiten, die ihre Religion neu für sich entdecken. Beide Gruppen sind nicht in religiösen Strukturen hineingewachsen, sondern haben nach Enttäuschungen oder Überforderungen explizit Zuflucht bei der Religion gesucht. Konvertiten bzw. Re-Konvertiten scheinen zudem besonders anfällig für übertriebene Religiosität und moralischen Purismus zu sein.
Die Biographien der Attentäter
Die BBC (British Broadcasting Corporation) veröffentlichte nach den Terroranschlägen von London am 7. Juli 2005 mehrere Artikel, welche die Biographien der einzelnen Attentäter aufzeigen ("The Bombers", Mohammad Sidique Khan, Shehzad Tanweer, Germaine Lindsay, Hasib Mir Hussain, "The mystery of 'Sid'").
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