| Die Familie Oufkir |
Im Jahr 1972 verübt die marokkanische Luftwaffe ein Attentat auf König Hassan II. Der Putschversuch scheitert und der Hauptverantwortliche, Innenminister und rechte Hand des Königs, General Oufkir, begeht angeblich in derselben Nacht Selbstmord. Jedoch existieren Hinweise für seine Exekution. Seine Frau und seine sechs Kinder im Alter zwischen zwei und 18 Jahren sowie zwei der Hausangestellten werden nach einer kurzen Zeit der Trauer ohne Prozess nach Assa, in den Süden Marokkos, nicht weit der algerischen Grenze, deportiert. Die Familie, die bisher im Luxus lebte, verbringt die nächsten 20 Jahre in verschiedenen Gefängnissen Marokkos. Die Witwe Fatéma Oufkir, Malika, die älteste Tochter und Raouf, der älteste Sohn, haben ihre Erinnerungen inzwischen in Buchform veröffentlicht. Zwei Passagen der ersten beiden, die von den Überlebensstrategien erzählen, sind hier wiedergegeben.
Die Gefangene: Ein Leben in Marokko - von Malika Oufkir und Michèle Fitousse
Nach der Verlegung der Familie Oufkir von Assa im Süden Marokkos nach Tamattaght (1973-1977) bringt man sie in einem großen Wüstenfort unter - dem ehemaligen Palast von El Glaoui. Die Familie verfügt über 2 Zimmer, eine Lehmhöhle dient als Küche. Malika Oufkir, die mit 18 Jahren für die Verbrechen ihres Vaters ins Gefängnis kommt und erst nach 20 Jahren wieder befreit wird, antwortet auf die Frage, wie sie die Zeit empfand, in der sie das Buch über ihre Erfahrungen geschrieben hat: „Als ich entschied dieses Buch zu schreiben wurde mir bewusst, dass es bedeuten würde, ein weiteres Jahr im Gefängnis zu verbringen." Im folgenden Abschnitt berichtet Malika Oufkir über Alltäglichkeiten und die Organisation des Lebens in Gefangenschaft.
„Unser Tag gestaltete sich rund um die Schule. Ich nahm meine Rolle als Lehrerin sehr ernst. Ich führte verschiedene Unterrichtsniveaus ein. Die beiden Mädchen waren in der zweiten Grundschulklasse, Raouf in der vierten Klasse Gymnasium und Mimi in der fünften. Wir standen um sieben Uhr auf, wuschen uns und frühstückten, bevor wir gegen halb neun mit der Arbeit begannen. Ich diktierte den Kleinen einen französischen Text und ließ sie dann eine Zusammenfassung und eine logische Analyse davon erstellen sowie grammatikalische Fragen beantworten. [...]
Einmal im Monat organisierten wie eine Vorstellung, die wir mit großer Tatkraft vorbereiteten. [...] Ich war gerade zwanzig Jahre alt und hatte eine unglaubliche Energie. Ich spielte mit den Kindern, ihrer Jugend und ihrer Naivität, um mir meine Kindheitsträume zu erfüllen. Ich war nacheinander Theaterautorin, Regisseurin, Choreographin, Dirigentin, schließlich Hauptdarstellerin. [...]
Häufig erzählte ich den Kindern ein paar besonders markante Episoden aus meiner Jugend. Mein Gedächtnis verließ mich selten, es war alles was ich hatte im Kampf gegen die Angst. Ich konnte nicht anders, ich musste die Erinnerungen immer wieder an mir vorüberziehen lassen. Jeder von uns hatte den anderen seine eigenen Geschichten zu erzählen, um zu beweisen, dass er trotz seines jugendlichen Alters schon gelebt hatte, mit Ausnahme von Abdellatif, der nichts zu erzählen wusste. Aber im Laufe der Jahre vermischten sich die Erinnerungen der einzelnen, wandelten und verformten sich. Meine Geschwister eigneten sich die meinen an. Auf diese Weise wehrten wir uns gegen die Leere, die uns bedrohte."
Auszug aus: Malika Oufkir, Michèle Fitousse (2001): Die Gefangene - Ein Leben in Marokko. S. 157-164. München (Econ Ullstein List Verlag GmbH & Co. KG).Im Original: „La Prisonnière" von Malika Oufkir und Michèle Fitousse, Paris, 1999
Gefangen in den Gärten des Königs: Der Kampf um meine Familie - von Fatéma Oufkir
Nach einigen Jahren in verschiedenen Gefängnissen in Marokko brachte man die Familie Oufkir 1974 nach Bir-Djib, einem Gefängnis ca. vierzig Kilometer von Casablanca entfernt. Die Bedingungen verschlechterten sich zusehends für die Familie, besonders durch ihre Überstellung an Oberst Ben Aïch, dessen Bruder beim Attentat umgekommen war. Der kategorische Befehl Ben Aïchs besagte: „Diese Leute sollen nicht sterben, aber sie sollen langsam zugrunde gehen." Sie wurden mit Nahrungsentzug und Leseverbot gefoltert, Medikamente wurden ihnen verweigert und im Alter von zehn Jahren beging Abdellatif, der jüngste Sohn, einen Selbstmordversuch. Er überlebte, jedoch wurden die Oufkirs als Strafe von diesem Zeitpunkt an auch tagsüber in getrennten Zellen gehalten.
„Sie zogen überall Mauern hoch, die die einzelnen Zellen noch hermetischer abschlossen. Malika, Myriam, Maria und Soukaïna durften zusammenbleiben. Falls sie zu aufmüpfig wären, würde man die getrennt einsperren, aber solange sie sich ruhig verhielten, durften sie beieinander bleiben. Nur Halima und Achoura konnten sich frei zwischen den Zellen bewegen, um zur Essenszeit die Teller vor den Türen abzustellen. [...] Wer unsere Situation von außen betrachtet, kann vielleicht überhaupt nicht nachvollziehen, warum wir uns nicht alle den Tod gewünscht haben. Wir klammerten und verzweifelt ans Leben und dachten uns tausend kleine Tricks aus, um Gefangenschaft und Isolierung zu ertragen.
Wenn eines meiner Kinder aus seiner Zelle durfte und an meiner vorbeikam, schüttete ich ein wenig Wasser auf den Boden der Tür, so dass wir uns im Spiegel der Lache verschwommen sehen konnten. Was ich sah, machte mir allerdings zunehmend Angst: Sie wurden immer dünner. [...]
Die Wachen hatten mir die Stereoanlage abgenommen, aber die Boxen waren ihrer Aufmerksamkeit entgangen. Bislang hatten sie, mit je einem alten Lappen "geschmückt", als Nachtkästchen gedient. Es war Raoufs Idee, unser Kommunikationssystem mit Hilfe ihres Innenlebens zu verbessern. Jede Box enthielt mehrere Lautsprecher; wir mussten jetzt versuchen, je einen davon in jede Zelle zu schmuggeln und sie dann untereinander mit einem Kabel zu verbinden, das direkt an die Schalter angeschlossen wurde. [...]
Ich versteckte sie [die Boxen] auf einem Teller Zimt-Couscous, den Halima von einer Zelle zur anderen brachte. Als Leiter verwendeten wir zunächst Sprungfedern von unseren Bettrosten, die wir vorsichtig abmontierten und durch die Mauerritzen schoben. Doch diese Lösung war auf Dauer nicht befriedigend, weil erstens der Schall nur unzureichend weitergeleitet wurde und das Ganze außerdem schlecht zu verstecken war, wenn die Wachen die Zellen durchsuchten. [...]
Die Lautsprecher fungierten als Mikrofone, und mit dieser archaischen Methode konnten wir uns unterhalten. Dank unserer Installation hatten wir auch die Möglichkeit, alle zusammen dem Transistorradio zu lauschen, das sich in Raoufs Zelle befand. [...]
Wir hörten viel Radio, doch noch begieriger lauschten wir Malika, die uns über unser improvisiertes Haustelefon selbst erdachte Geschichten erzählte. [...]
Wir bedrängten Malika, die Geschichten nach unseren Vorgaben zu verändern. Am Ende gehörten die Erzählungen uns allen, und jene fantastische Scheinwelt ersetzte uns die Wirklichkeit. Das gemeinschaftliche Zuhören vermittelte uns überdies die Illusion, zusammen zu sein. [...]
So vergingen acht Jahre. [...] Acht lange Jahre, in denen wir uns nicht sehen konnten, in denen unser Leben darin bestand, über eine improvisierte Sprechanlage Geschichten über das zaristische Russland zu erfinden."
Auszug aus: Fatema Oufkir (2000): Gefangen in den Gärten des Königs - Der Kampf um meine Familie. S. 190-194. München (Wilhelm Goldmann Verlag).Im Orginal: «Les Jardins du roi» von Fatéma Oufkir, Paris, 2000




