Frauen als Fernsehmuftis

Für Frauen war es bisher schwer, offiziell als Muftis anerkannt zu werden - selbst wenn sie eine solide islamische Ausbildung hatten. In Ägypten oder der Türkei wehren sich die religiösen Autoritäten gegen Frauen in Mufti-Ämtern, in Indien dagegen gibt es dies. Doch gerade bei typischen Frauenproblemen vertrauen viele Muslimas lieber weiblichen Gelehrten.

Die ägyptischen Professorinnen für Islamisches Recht an der Azhar-Universität, Suad Salih und Abla al-Kahlawi, treten deshalb jetzt regelmäßig im Fernsehen und Internet auf, um dort live islamische Lebensberatung zu geben. Da Frauen auch den größten Teil des Fernsehpublikums ausmachen, haben diese gelehrten Frauen und ihre Laienprediger-Kolleginnen großen Zuspruch und die Fernsehsender freuen sich über gute Einschaltquoten. Über diesen inoffiziellen Weg werden also möglicherweise Voraussetzungen dafür geschaffen, dass Frauen auch außerhalb der Fernsehwelt zunehmend als Muftis anerkannt werden.

Beispiel: IslamOnline.net

IslamOnline.net ist eine der weltweit meistbesuchten Websites zum Thema Islam. Die Seite wurde ursprünglich von Yusuf al-Qaradawi in Qatar gegründet und hat dort auch ihre Zentrale, inhaltlich wird sie aber von einem rund 170-köpfigen Team in Kairo bestückt. Die Redaktion besteht vor allem aus relativ jungen Leuten, deren Schwerpunkte in so unterschiedlichen Bereichen wie Recht, Politik oder Wirtschaft liegen und die mit Muslimen in der ganzen Welt vernetzt sind. Das wird auch an den Inhalten deutlich, bei denen es um den Kopftuchstreit an französischen Schulen ebenso geht wie um Fußball im Irak. Den größten Zuspruch erfährt aber die „Fatwa"-Sektion der Seite, auf der Gelehrte aus aller Welt von der Redaktion eingeladen werden, Fragen der Gläubigen per E-Mail zu beantworten. Da der Großteil der Redaktion Frauen sind, ist es nicht verwunderlich, dass diese auch gelehrte Frauen Fatwas erteilen lassen.

Screenshot IslamOnline

Die hier erteilte Fatwa der Azhar-Professorin Suad Salih beginnt wie jede Fatwa mit einer religiösen Formel und wird auch durchzogen von Koranversen, die fett markiert sind. Natürlich findet sich im Koran keine konkrete Antwort auf solch eine spezifische und moderne Frage. Die Koranverse sollen dazu dienen, die Interpretation der heiligen Schrift durch den Mufti zu belegen. Der Ton der Fatwa ist eine Mischung aus religiösem Konservatismus und Zugeständnissen an die Moderne, wie sie bei vielen Fatwas auf IslamOnline.net zu finden ist.

Die Frage der jungen Frau, ob sie als gläubige Muslima auch als Journalistin arbeiten dürfe, klingt in westlichen Ohren zunächst absurd. Allerdings gehen konservative Interpretationen des Islam von einer Separation der Geschlechter im öffentlichen Raum aus, was in Saudi-Arabien sogar zu nach Geschlechtern getrennten Schulen, Universitäten und Bibliotheken führt. In den meisten islamischen Ländern wird dieses Prinzip nicht mehr strikt angewandt. Der Beruf der Journalistin aber erfordert häufig viele Kontakte mit (unbekannten) Männern, was als ehrenrührig gilt, wie auch Suad Salih in ihrer Fatwa bestätigt.

Beispiel: Fiqh an-Nisa (islamisches Recht für Frauen)

Auf dem saudischen Islam-Fernsehsender Iqra gibt es zahlreiche Sendungen von und für Frauen. Zumeist werden damit Klischees von Frauenbildern im Islam bedient - es geht um richtige Kleidung, gute Erziehung, Wohnungsdekoration oder Kochen. Andererseits gibt es auch Sendungen über die Rechte der Frau im Islam und Fatwa-Sendungen. In „Fiqh an-Nisa" („Islamisches Recht für Frauen") werden aktuelle Begebenheiten aus dem Alltag mit einer „islamischen Brille" auf Frauen bezogen und geschaut, wie sich Moderne und muslimische Pietät unter einen Hut bringen lassen.

Screenshot "Fiqh an-Nisa" ("Islamisches Recht für Frauen")

So ging es in der Sendung vom 8. Juli 2006 um „Die muslimische Frau und die Fußball-WM". Dabei stand die Grundfrage im Mittelpunkt, ob es einer muslimischen Frau geziemt, Fußballspiele in einem deutschen Stadion anzuschauen.

Der folgende Quellentext enthält Auszüge aus dieser Sendung in deutscher Übersetzung.