| Neue Medien und religiöse Beratung |
Wenn es in einer Familie Erbschaftsstreitigkeiten gibt, wenn ein Bauer überlegt, ob er Genmais aussähen soll, wenn jemand eine Bluttransfusion braucht, oder wenn die eigene Tochter Fußball spielen will und die Eltern über die richtige Entscheidung im Zweifel sind, dann gehen Muslime zu einem Mufti.
Muftis sind islamische Gelehrte, die den Koran, die Sunna und ihre Auslegungen so gut studiert haben, dass sie eine Lösung für Probleme des täglichen Lebens anbieten können. Nach Abwägung der verschiedenen Quellen und Meinungen können sie also den Gläubigen sagen, was das islamische Recht zu ihrem Problem sagt und wie sie sich demgemäß verhalten sollten. Die Antwort hat die Form einer Fatwa.
Fatwas sind religiöse Rechtsgutachten, die ein Problem des Gläubigen klären sollen. Eine Fatwa wird immer vom Gläubigen selbst angefordert und kann zu ganz verschiedenen Themen erteilt werden - von Erbschaftsstreitigkeiten bis hin zur Aussaat von Gen-Mais. Wenn ein Muslim beispielsweise eine Bluttransfusion vornehmen lassen möchte und nicht weiß, ob das mit dem islamischen Recht in Einklang zu bringen ist, dann geht er zu einem Gelehrten. Dieses Gutachten hat aber keine rechtliche Bindung, sondern nur eine moralische. Ob die Gläubigen dem darin enthaltenen Rat tatsächlich Folge leisten, hängt sehr davon ab, wie gut der Ruf des befragten Muftis ist.
Früher gingen die Gläubigen in die Moscheen, um sich in heiklen Angelegenheiten direkte Hilfe zu holen. Heute kann man das auch ganz bequem am Computer, Telefon oder vorm Fernseher tun. Etliche Fernsehsender in der islamischen Welt haben mittlerweile Sendungen, wo man anrufen und dem Gelehrten im Studio sein Problem schildern kann. Auch im Internet gibt es Websites, auf denen Gelehrte mit Fatwas zu anonymen Anfragen Rat erteilen. Viele Gelehrte sind sehr offen in der Nutzung neuer Medien. Einer der berühmtesten Fernsehmuftis - Yussuf al-Qaradawi aus Qatar - drückte es so aus: „Muslime sind dazu verpflichtet, jedes Medium und jede Technologie zu nutzen, um ihre Konzepte zu verbreiten."
Doch nicht jedes Problemchen braucht ein Rechtsgutachten. Viele Menschen sind einfach nur verunsichert in ihrem Alltag und suchen nach einem moralisch richtigen Lebensweg. Deshalb gibt es neben den Fernsehmuftis auch die so genannten Do'ahs, die Fernsehprediger. Der berühmteste unter ihnen ist der Ägypter Amr Khaled. Diese Prediger haben nur selten eine religiöse Ausbildung und erteilen deshalb auch keine Fatwas. Aber sie greifen aktuelle Themen auf, mit denen sich Jugendliche in vielen Ländern auseinandersetzen müssen: Arbeitslosigkeit, Beziehungsprobleme, Wohnungsnot. Die Verinnerlichung und das konsequente Ausleben islamischer Werte sollen helfen, eine gerechtere und bessere Welt zu schaffen. In der muslimischen Welt sind viele Jugendliche von ihnen begeistert, obwohl sie oftmals recht konservative Auslegungen des Islam vertreten.
Carola Richter, Universität Erfurt

