Eindrücke aus Leipzig und Kairo

Mehrere der an dem Austausch zwischen Leipzig und Kairo teilnehmenden Studierenden und Dozenten verarbeiteten ihre Eindrücke in der unbekannten Umwelt in Form von kurzen Erfahrungsberichten. Die Texte beziehen sich auf unterschiedliche Aspekte des täglichen Lebens, in denen sich Differenzerfahrungen und aufkeimendes Verstehen des anderen gleichermaßen widerspiegeln.

Die Straßen von Leipzig (Dalia)
„Leipzig ist völlig anders als Kairo... Es sind so viele Fahrräder in den Straßen und die Leute fahren selbst bei sehr kaltem Wetter. (...) Die Leute warten auf das [Ampel]Signal bevor sie die Straße überqueren, auch wenn es bereits 20 Uhr ist und keine Autos auf der Straße sind... Die großen Grünflächen überall sind so entspannend. (...) Ich vermisse die Menschenmenge auf der Straße. Manchmal will ich in Leipzig schreien, um die Leute aufzuwecken und ihnen zu sagen BITTE BLEIBT IN DEN STRAßEN BIS 12 UHR NACHTS. MACHT DIE LÄDEN AUF. MIR IST LANGWEILIG... In Kairo gibt es überall Menschen, zu jeder Zeit, egal wie spät. In Leipzig sind die Straßen immer ruhig, insbesondere nach sieben Uhr abends, manchmal noch davor. Ich nehme an die Menschen sind in den Bar oder zu Hause." (Dalia, Kunststudentin aus Kairo)

Die Straßen von Kairo (Timo)
„Die Lautstärke ist einzigartig, ganztägig hängt eine Geräuschglocke über der Stadt. Ein Gemisch aus Hupen, Reifenquietschen, Gesprächsfetzen, Muezzinansagen. Serieller Musik gleich, gewinnt mal das ein an Bedeutung mal das andere, nur völlige ruhe gibt es nie... Das Leben spielt sich auf der Straße, in den Moscheen und auf öffentlichen Plätzen ab. Im Gespräch von Mensch zu Mensch weniger mit sich selbst. Die Leere, das Auf-sich-selbst-gestellt-sein existiert nicht.

Deutschsein in Ägypten (Timo)
"In Ägypten (...) ist man dieser Tage gut dran, wenn man sich das Recht herausnehmen darf sich als Deutscher zu bezeichnen. Die Fußballweltmeisterschaft ist gerade vorbei, die Nachwehen ziehen von Deutschland durch die Welt und da verwundert es nicht, wenn das ägyptische Empfangskomitee teilweise aus deutschen Fußballnationaltrikots besteht. Selbst die Straßen sind voll von Bekenntnissen, für Ballack und Klinsmann. Der Bekanntheitsgrad dieser deutschen Nationalhelden liegt gleich hinter Hitler - und alle sind „very good".

Was für ein herzlicher Empfang. Sehr gut, dass wir nur einen Engländer, einen Iraner und eine Chinesin mit uns haben. Der Engländer kann sich als Deutscher ausgeben, Ahmadinedschad ist sowieso „very good" und die Chinesin, nachdem sie aus den Fängen der Flughafenbürokratie befreit werden konnte, bekommt eine Form von Artenschutz."

Händchen halten (Timo)
„Ich habe noch nie zwei Polizisten Händchen haltend durch die Stadt spazieren sehen. Die menschliche Nähe der männlichen Bevölkerung ist sehr befremdlich. Das freundschaftliche Einhaken, die räumliche Nähe, die befreundete Männer teilen, ist für das europäische Auge ungewohnt und steht im harten Kontrast zur Distanz, die zum anderen Geschlecht gewahrt wird.

Studenten WG (Mirette)
„Eine Freundin half mir, mich an den Leipziger Lifestyle zu gewöhnen. Um die Deutschen besser zu verstehen, ist es sehr hilfreich in einer WG zu leben. (...) Die Studenten [in Leipzig] kennen einander nicht bevor sie sich zusammentun, um zusammenzuleben. Sie mieten ihre Wohnung selbst, und sie sind individuell dafür verantwortlich, die Miete zu bezahlen. Religion spielt bei der Wahl der Mitbewohner keine Rolle; in Kairo dagegen ist Religion sehr wichtig.

Individualität: In Leipzig hat jeder das Recht sich in sein Zimmer zurückzuziehen, wann immer er will, ohne gefragt zu werden warum. Jeder hat das Recht, Kleider nach seinem Geschmack anzuziehen ohne dafür kritisiert zu werden. Jeder hat das Recht, an eine Sache zu glauben oder nicht, ohne dass ihm gesagt wird, es sei falsch oder richtig. In Kairo dagegen wird es als unhöflich angesehen, wenn ein Student die anderen allein lässt, um sich auf sein Zimmer zurückzuziehen. Es hat nicht jeder das Recht, Kleider nach seinem Geschmack anzuziehen. Er ist dazu verpflichtet, sich anzupassen, was andere akzeptieren; selbst wenn ihm dies widerspricht. Er ist dazu verpflichtet, das zu akzeptieren, was die Gemeinschaft akzeptiert und das abzulehnen, was die Gemeinschaft ablehnt. Wenn er das nicht tut, wird er als seltsam betrachtet.

In einer deutschen Studenten WG kann man ein vollständiges Zusammenleben von jungen Männern und Frauen finden, ohne dass dies merkwürdig erscheint; während in Ägypten jegliche Art des Zusammenlebens zwischen Männern und Frauen in einer Studenten WG komplett seltsam und verboten ist."

Fashion & Style (Fritz)
„An unserem ersten Abend unternahmen wir eine Bootsfahrt auf dem Nil. Die Ägypter sangen und tanzten für uns, während wir uns unwohl auf unseren Sitzen herumdrückten, die unvermeidbare Frage fürchtend, ob wir ein Lied auf Deutsch singen können. Nicht nur, dass wir ernst und steif gewirkt haben müssen, unsere ägyptischen Gegenüber waren sicherlich überrascht, was für ein schlampiger Haufen aus dem wohlhabenden Westen da ihre Universität betritt. Während sie makellos gekleidet waren - einwandfrei und farblich abgestimmt -, vermochten die geschmackvoll zerrissenen T-Shirts, unharmonischen Farben und zerfetzten Turnschuhe unserer deutschen Studenten nicht zu beeindrucken. Die ägyptischen Modestudenten verstanden die nordeuropäische Anti-Mode nicht, die unseren Kunstakademien entspringt. Welche Geheimnisse, fragte ich mich, lagen hinter all diesen Schleiern, Kopftüchern und schüchternen Lächeln? Wie passten sie zu den in hautengen Jeans und Blusen zur Schau gestellten Kurven?"