Zeitgenössische Kunst in Ägypten

Im Rest der Welt ist Ägypten eher für antike Kunstschätze denn für zeitgenössische Kunst bekannt. Letztere entwickelte sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts unter dem Einfluss der europäischen Moderne. Bereits im neunzehnten Jahrhundert hatte es zwischen Ägypten und Europa intensive kulturelle Austauschbeziehungen gegeben, die sich in Europa vor allem im Orientbild der Romantik niederschlugen (vgl. Beitrag „Die Orientreisen des Fürsten Pückler). Die Anfänge des europäischen Einflusses auf die ägyptische Kunst lassen sich bis zur Ägyptenexpedition Napoleons im Jahre 1798, die Modernisierungsbemühungen unter der Herrschaft Mohammed Alis (1805-48) und die Besetzung des Landes durch Großbritannien zurückverfolgen. Neue, die europäische Kunst in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts revolutionierende Bewegungen wie Expressionismus, Surrealismus, Kubismus und Dadaismus stießen auch unter ägyptischen Künstlern auf Resonanz.

Mahmoud Mokhtars Skulptur "Ägyptens Erwachen"

Die erste Generation moderner ägyptischer Künstler befand sich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts auf der Suche nach nationaler Erneuerung. Die moderne Kunst wurde zu einem wichtigen Teil des nationalen Erwachens, das sich gegen die britische Vorherrschaft, zugleich aber nach europäischem Vorbild formierte. In der zeitgenössischen Kunst bot sich eine neue Ausdruckform nationaler Identität, die das historische Erbe und den Aufbruch in die Moderne gleichermaßen verkörpern konnte. Kein anderes Kunstwerk symbolisiert die Verschmelzung von Tradition und Moderne so eindrücklich wie Mahmoud Mokhtars berühmte Skulptur "Ägyptens Erwachen".

Eine gravierende Wende in der zeitgenössischen Kunst Ägyptens brachte die verheerende Niederlage gegen Israel im Sechs-Tage-Krieg von 1967. Der Schock über die eigene Schwäche führte in einen vorübergehenden Zustand der Lähmung und Stagnation, mündete schließlich aber in eine Rückbesinnung auf islamische Traditionen. In weiten Teilen der ägyptischen Öffentlichkeit war die militärische Katastrophe von 1967 gleichbedeutend mit einem Scheitern des staatlichen Modernisierungs- und Säkularisierungskurses. Die Rückbesinnung auf islamische Traditionen in der Kunst setzte einerseits neue Impulse in der Kalligraphie und Ornamentik, förderte andererseits aber das Wiedererstarken konservativer Vorstellungen von Moral und Ästhetik. Eine direkte Konsequenz war beispielsweise das nach wie vor gültige Verbot des Aktzeichnens an ägyptischen Kunsthochschulen in den 70er Jahren.

Auf der Website von EgyptArt findet sich eine ausführliche Übersicht über das Schaffen zeitgenössischer ägyptischer Künstler sortiert nach den Bereichen Malerei, Bildhauerei, Keramik und Kalligraphie.