| Vor- und Nachteile: Ein Gespräch mit Schülerinnen |
Es gibt muslimische Frauen, die religiös sind und auch religiöse Angebote in Anspruch nehmen, ohne je ihren Kopf zu bedecken. Es gibt Frauen, die ihre Haare nur dann bedecken, wenn sie eine Moschee betreten, und solche, die sich ausschließlich während des Fastenmonats Ramadan verhüllen. Wieder andere tragen ständig eine Kopfbedeckung, die jedoch in Größe, Form und Farbe erheblich variieren kann. Das kleine weiße oder geblümte Tuch, das im Nacken zusammengeknotet wird, verrät nicht so sehr eine religiöse Bindung, als vielmehr die bäuerliche Herkunft anatolischer Landfrauen. Das große Tuch, das an den Schläfen eingeschlagen wird und Kopf und Hals bedeckt hält, weist dagegen auf ein „offenes Bekenntnis" zum Glauben hin. Ein Kopftuch kann Frauen gegen unwillkommene Blicke schützen, es zwingt aber auch zu einem allzu sittsamen Verhalten, auf das man mit 17 nicht unbedingt Lust hat.
Die folgenden Zitate sind einem Gespräch zwischen Schülerinnen und ihren Lehrerinnen an einem Berliner Gymnasium entnommen. Das Gespräch fand außerhalb der Schulzeit statt und war einberufen worden, um über Probleme und Missverständnisse in der Klasse zu reden. Dabei kam auch das Kopftuch zur Sprache. Wie aus diesen Zitaten hervorgeht, wägen junge Frauen die Vor- und Nachteile gründlich ab, bevor sie sich dazu entscheiden, die Haare zu bedecken.
Schülerin 1:
„Also, ich trage es aus religiösen Gründen. Aber das heißt nicht, dass andere Mädchen es genauso tun. Vielleicht machen sie das, weil ihre Mutter gesagt hat, dass es langsam Zeit wird. Ich denke aber, dass die meisten es auch aus religiöser Überzeugung machen. Es gibt aber auch Fälle, wo es selbstverständlich ist, dass ein Mädchen mit zwölf Jahren ein Kopftuch aufsetzen muss, obwohl es das eigentlich gar nicht will.
Viele Mädchen denken, wenn ich einmal ein Kopftuch trage, dann bin ich toll und gesegnet und kann mein Leben leben. Das wird einfach so dermaßen überbewertet. Aber wenn du danach dich nicht veränderst und du so weiter machst wie vorher, dann bringt es überhaupt nichts. Was haben die denn von ihrer Religion gelernt, was ein guter Charakter ist, wie man sich verhalten soll, oder was weiß ich. Solche Sachen bleiben auf der Strecke."
Fatma, 18 Jahre, 13. Klasse
Schülerin 2:
„Ich bin noch auf keinen Fall soweit, dass ich Kopftuch tragen könnte. Weil, mit Kopftuch ist ... meiner Meinung nach eine große Verantwortung. Denn, wenn ich ein Kopftuch trage und mich jemand nach dem Islam fragt, dann will ich auch korrekt antworten und das könnte ich noch nicht. Also, ich habe auf viele Fragen selber noch keine Antwort und andere Sachen gehen meiner Meinung nach vor. Also ich finde, das Beten geht vor; dass man regelmäßig betet, das ist schwierig genug. In meinen Augen ist eine Frau mit Kopftuch unantastbar. Ich finde, eine Frau mit Kopftuch muss aufpassen, wie sie sich in der Gesellschaft darstellt, wie sie in der U-Bahn dasitzt. Also, ich weiß nicht, ein Kopftuch ist halt irgendwie... jeder weiß: das ist eine Muslimin! Man sieht es ja sofort. Und wenn irgendeine Muslimin etwas Falsches macht, dann heißt es: 'Ja guck sie mal an, die trägt Kopftuch und macht solche Sachen?' Zum Beispiel wenn ein Mädchen mit Kopftuch in der U-Bahn sitzt und irgendeinem Typen hinterher guckt oder so. Zieht man sich doch voll lang an und danach ... Neee, oh Gott, nein! (lacht) Also, ich hab schon oft erlebt, dass ein Mädchen in der U-Bahn über ihre Sexualität gesprochen hat, laut halt, und sie trägt Kopftuch. Im Islam ist das ja prinzipiell verboten, also, Sexualität vor der Ehe, meine ich. Und wenn sie das lauthals ausspricht mit Kopftuch, ich find so was einfach nur respektlos und peinlich."
Zahra, 20 Jahre, Handelsschule
Schülerin 3:
„Das Kopftuch wird von der Gesellschaft und letztlich auch von den Muslimen sehr überbewertet. Die einen wollen es verbieten, die anderen wollen es erzwingen. Jede Seite fokussiert einfach nur auf dieses Tuch und verbindet es mit allen möglichen Klischees, mit Sex und Erotik. Das macht die Entscheidung (es zu tragen) nicht leichter. Aber es ist schon wirklich ein bestimmter Schutz, na ja, man verbirgt natürlich seine Sexualität irgendwie. Das stimmt schon, es hat diesen Effekt. Aber, wenn man dann widersprüchliches Verhalten zeigt, das sehen sogar die Nichtmuslime, und die sagen dann, das passt nicht zusammen. Deswegen will ich es eigentlich nicht tragen, aber ich fürchte auch, dass die Männer sich dann mehr Rechte nehmen oder sich anmaßen zu sagen: 'Die ist eine Schlampe.' Es ist einfach so. Das Kopftuch ist wie eine Fahne, wenn du es trägst. Es ist ein Signal für den Islam und es schützt einen."
Rayad, 17 Jahre, 11. Klasse
Die folgende Videosequenz ist ein Ausschnitt aus der WDR-Dokumentation "Verrückt - Eine Muslimin tanzt aus der Reihe" von Cornelia Uebel und Yüksel Ugurlu. Sie zeigt eine Diskussion mit zwei jungen Lehramtstudentinnen über die Bedeutung, ein Kopftuch zu tragen.

