Ein Porträt über Emel Abidin Algan
Emel Abidin Algan

Sie wurde in der Türkei geboren und wuchs in Deutschland auf: Emel Abidin Algan kommt 1960 als Baby mit den Eltern nach Deutschland, wo sie später zu den Ordensschwestern der Ursulinen ins katholische Gymnasium gehen wird. Nichts Besonderes für die Zeit. Nur, dass sie den Mann zum Vater hat, der es nicht nur zum Chirurg bringt, sondern auch 1976 die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) in Deutschland gründet. So wächst sie in einer wohlhabenden, gut angesehenen türkischen Familie auf, einer Familie, die nach religiösen Regeln lebt.

Emel Algan trägt bereits mit dreizehn Kopftuch, was bei den Ursulinen weiter kein Aufsehen erregt, und lernt von ihrem Vater Verantwortung für die Gemeinschaft der Muslime tragen. Sie ist ein Elitekind, heiratet jung, studiert, bekommt eine Reihe Kinder und schafft es nebenbei, sich um Bildungsarbeit zu kümmern. Das tut sie in einem Verein, in dem auch ihr Mann, ihr Schwager, ihre Schwester aktiv sind und der eine große Nähe zu der von ihrem Vater gegründeten IGMG aufweist.

1996, als ich sie kennen lerne, ist sie eine richtige Berliner Pflanze, nicht auf den Mund gefallen, streitbar, ein Organisationstalent, das es schafft, Mann, Kinder, und Arbeit in einem Tag unterzubringen und doch noch Zeit findet, sich mit den Kreuzberger Behörden anzulegen oder einen Basar für die islamische Föderation zu organisieren. Vor allem ist sie mit ihrem großen, an den Schläfen eingeschlagenen Kopftuch und ihrem Hosenanzug, mit ihrer Energie und Beflissenheit ein Vorbild für die jungen Mädchen der Gemeinschaft. Das hätte immer so weiter gehen können, wäre da nicht 2004 der „Kopftuchstreit" gewesen. Emel Algan schaut sich die Politiker im Fernsehen an, die „die Gefahr Islam" beschwören, welche man hinter jedem Kopftuch vermutet, sie hört den muslimischen Männern zu, wie sie Reden über Frauen schwingen, und ärgert sich vielleicht ein klein wenig über Fereshta Ludin, die das Recht einklagt, in der Schule Kopftuch zu tragen und damit „ein so merkwürdiges Gesetz wie das Kopftuchverbot" (Algan) auf den Plan bringt. Sie fängt auf einmal an zu experimentieren: mit Mützen, Käppis und Damenhüten - alles, was den Kopf umhüllt und einen einigermaßen keck aussehen lässt. Dann, eines Tages, legt sie einfach jegliche Kopfbedeckung ab, schenkt sie dem Haus der Geschichte in Berlin, lässt sich die Haare schneiden und schaut, was kommt. Was dann folgt, beschreibt sie so:

"Anfangs sah ich mich vergeblich damit befasst, Vorwürfe von Muslimen abzuweisen und meiner Familie zu erklären, dass ich ohne Kopftuch nicht schamlos bin, dass ich mich dem Schöpfer nicht widersetze, und dass ich mit meinem Leben sehr zufrieden bin. Ich sagte ihnen: Was wird denn da überhaupt bedeckt und warum? Das Problem mit dem Kopftuch und der Verschleierung der Frauen wäre doch leicht gelöst, wenn muslimische und nicht-muslimische Männer mal offen und ehrlich über ihre Wahrnehmung sprächen, anstatt sich hinter angeblichen Gesetzen Gottes, traditionellen Regeln und Klischeevorstellungen zu verstecken."


Der Ehemann, die Familie, die Freundinnen und Kolleginnen sind erschrocken. Ist sie etwa vom Teufel besessen? Emel Algan akzeptiert den Vorschlag, mit einem Teufelsaustreiber zu reden, weil sie beweisen will, dass sie keineswegs besessen ist, sondern im Gegenteil genau weiß, was sie tut, nämlich ihr Recht auf freie Entscheidung und freie Glaubensausübung einzufordern. Ihre Beharrlichkeit macht alle ratlos. Die Gemeinschaft umgibt sie mit einem Kreis des Schweigens. Ihre ehemaligen Freundinnen und Kolleginnen meiden sie. Im Sommer 2005 besucht sie ein älteres Gemeindemitglied, ein Freund ihres verstorbenen Vaters, der ihr sagt, was alle bereits denken: Wer so etwas tut, kann keine Muslimin sein. Sie gehört fortan nicht mehr dazu. Aber Emel Algan lässt sich davon nicht beirren:

"Ich sehe mich in der Lebensrealität unserer Zeit angekommen, mit einem religiösen Empfinden, wie ich es vorher nicht kannte. Glauben ist für mich zu einer inneren Angelegenheit des geistigen Wachstums und der Reife geworden, die sich im Verhalten sich selbst und anderen gegenüber äußert. Glaube ist für mich das, was man mit bewusster Beziehung zum Schöpfer bezeichnen kann. Mein 17-jähriger Sohn brachte es letztens so auf den Punkt: 'Mama, du bist doch keine Muslimin mehr, du glaubst doch nur noch an Gott!' Reicht es denn nicht, 'nur' an Gott zu glauben? Denn sich alleine fühlen tut nicht gut."


Und sie schreibt: Briefe an den Religionsgelehrten, Leserbriefe an die FAZ, Artikel in der taz. Man wird auf sie aufmerksam, sie wird eine Person des öffentlichen Lebens. Mit jedem Radiointerview, mit jeder Dokumentation über ihre Person nimmt ihre Kritikfähigkeit an der Gemeinschaft der Muslime zu:

"Das Problem mit der Verhüllung heute wäre auch einfach gelöst, wenn Männer über ihre Wahrnehmungen reden würden. Denn um die Männer geht es ja, wenn sich eine Frau verhüllt. (Sie besitzen) ein Religionsverständnis, das mit Sünde und Strafe, mit Verboten und Erlaubtem arbeitet, und ein trennendes Menschenbild transportiert. Ein Menschenbild, das Frauen ohne Kopftuch ausgrenzt, und Männer darauf festlegt. Und am schlimmsten ist es für mich, dass diese Vorstellung den Schöpfer für sich vereinnahmt. Denn man könnte wahrhaftig meinen, dass der Gott der Muslime etwas gegen Damenfrisuren hat."

Im April 2007 wird ihr der renommierteste Preis des deutschen Protestantismus, der „Preis für das unerschrockene Wort", überreicht. Bei der Feier zählt die Laudatorin, Barbara John, langjährige Ausländerbeauftragte in Berlin, Emel Algans herausragende Leistungen für die islamische Gemeinschaft auf: Bildungsarbeit für Frauen, Gründung von drei Kindergärten, Vorsitzende des Trägervereins für die erste islamische Grundschule. „Hätte der Islamrat", so John, „einen Preis zu vergeben, Emel Abidin Algan hätte ihn aus meiner Sicht bekommen müssen". Für Emel Algan selber sind diese Leistungen in den Hintergrund getreten:

"In den vergangenen zwei Jahren habe ich gelernt, wie kostbar eigene Erfahrungen sind, die dazu befähigen, eine eigene Meinung zu entwickeln, sich zu distanzieren von unreflektiertem Nachahmen und jeglicher Angsteinrederei. Ich bin von der sichtbaren Muslimin zum unsichtbar beobachtenden und neutralen Menschen geworden."

Die folgende Filmsequenz über Emel Abidin Algan zeigt einen Ausschnitt aus der WDR-Dokumentation "Verrückt - Eine Muslimin tanzt aus der Reihe" von Cornelia Uebel und Yüksel Ugurlu.