| Ein Porträt über Fereshta Ludin |
„Ich würde mich sehr, sehr schämen."
Berichte über Fereshta Ludin kann man zu Tausenden aus dem Netz ziehen, 10.100 Berichte und 367 Bilder um genau zu sein. Daraus lässt sich vor allem die Wahrnehmung einer empörten Öffentlichkeit ableiten. Die Person ist indes nur schemenhaft zu erahnen. Die Stationen ihres Lebens füllen gerade mal eine Seite.
1972 wird sie als Jüngste von fünf Kindern in eine liberale Familie geboren. Von Afghanistan, ihrem Geburtsland, bekommt sie wenig mit - "ein halbes Jahr in der Kinderkrippe vielleicht". Der Vater arbeitet zuerst als Regierungsberater, dann als Innenminister an der vorsichtigen Demokratisierung seines Landes mit. 1976 wird er zum Botschafter in Bonn berufen. Sie ist also vier Jahre alt, als sie Deutschland erstmals kennen lernt.
1979, nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan, gerät der Vater politisch ins Abseits. Als Botschafter kann er nicht bleiben, nach Afghanistan kann er nicht zurück, die Familie geht nach Saudi-Arabien ins Exil. Sechs Monate darauf stirbt er. Die Mutter hatte in Afghanistan 27 Jahre lang als Lehrerin gearbeitet. "Wir waren kulturelle Vielfalt gewöhnt", beschreibt Ferestha Ludin einmal das damalige Leben ihrer Familie - und auch, dass ihre Mutter italienische und französische Lehrer hatte. Auf einmal sind sie isoliert. Das Kind probt unterdessen die Anpassung, lernt arabisch und findet zur Religion. Es geht ihr um den Sinn des Lebens, darum, zu verstehen, wohin der Vater nach seinem Tod gegangen war. Mit 14 Jahren bindet sie sich endgültig ein Kopftuch um und fängt an, fünf mal am Tag die Gebete zu verrichten.
Die Mutter entschließt sich indessen, mit den Kindern wieder nach Deutschland zu gehen. "Die Familie litt unter den undemokratischen Strukturen in Saudi-Arabien. Man durfte seine Meinung nicht frei äußern", wird Fereshta Ludin später sagen. Wieder fühlt sie sich fremd, wieder versteht sie die Sprache nicht. Die Nachbarn beäugen sie misstrauisch durch einen Gardinenspalt und die Jungen in der Schule spotten über sie, wenn sie ihre Gebete verrichtet. "Das hat mich sehr verletzt."
Mitte der 1980er Jahre sind Kopftücher in Deutschland kein Thema. Fereshta trägt es zwar, erregt aber kaum Aufsehen. Sie macht in Hessen Abitur, studiert in Schwäbisch Gmünd Lehramt, wird 1995 deutsche Staatsbürgerin. Erst während ihres Schulpraktikums nimmt eine Mentorin Anstoß an ihrem Äußeren. "Das war für mich total schockierend." Als 1998 Baden-Württemberg sich weigert, sie als verbeamtete Lehrerin einzustellen, wehrt sie sich: "Ich fand es ungerecht, nachdem ich so einen harten Weg hinter mich gebracht hatte, dass ich wegen eines Stück Stoffs nicht vor der Klasse stehen sollte." Fereshta Ludin ist "ein Mensch, der ganz normal leben will". Sie bindet das Tuch auch zu Hause um, wenn sie Fremde zu Besuch erwartet; es soll sie schützen, indem es ihre Reize verhüllt,"und die Haare gehören eben zu den Reizen einer Frau." Müsste sie ohne Kopftuch vor einer Schulklasse stehen, würde sie sich "sehr, sehr schämen. Es wäre wie eine Entblößung."
Eine Chronologie ihres Rechtsstreits mit den deutschen Behörden findet sich unter www.praxispolitik.de/content/unterricht/pdf/23300702_klee.pdf.

