| Innerislamische Positionen |
Die folgenden Zitate zeigen, dass die muslimischen Organisationen mit dem Kopftuch ein religiöses Prinzip verteidigen, bei dem Anstand, Moral und die Regeln der Gemeinschaft im Zentrum stehen. Aus der Sicht vieler religiöser Männer geht die größte Gefahr, die der muslimischen Gemeinschaft droht, von den Frauen aus. Eine breit akzeptierte religiöse Lehrmeinung lautet, dass Frauen Zwietracht (fitna) unter den Männern verbreiten, dadurch die moralische und zugleich gesellschaftliche Ordnung in Frage stellen und aus diesem Grund vor sich selber geschützt werden müssen (Zitat 1).
In einer gemeinsamen Erklärung islamischer Organisationen vom 22. April 2004 wird die Reinheit der Gemeinschaft von der Moral der Frauen abhängig gemacht (Zitat 2). Den Unterzeichnern zufolge handelt es sich dabei um eine göttliche Offenbarung, womit das Thema in einen tabuisierten Bereich überführt wird; jede weitere Diskussion würde mit einem Verstoß gegen die göttlichen Gebote gleichgesetzt.
Die Sichtweise vieler muslimischer Frauen ist eine andere. Die Frauen bestehen erstens auf eine gleichwertige Behandlung (Zitat 3). Zweitens versuchen sie, ihr Privatleben zu schützen (Zitat 4) und drittens warnen sie davor, sich dem gesellschaftlichen Druck auszusetzen, den das Kopftuchtragen in Deutschland mit sich bringt (Zitat 5). Eine türkische Schriftstellerin warnt vor der Macht, die muslimische Männer über ihre Frauen besitzen und der Willkür, mit der sie sie behandeln (Zitat 6). Eine Frau, die im Laufe des Kopftuchstreits ihr Kopftuch abgelegt hat, plädiert schließlich dafür, dass die Frauen in Ruhe gelassen werden sollten. Alles, was sie anstrebt, so sagt sie, ist, dass die Frauen genau wissen, was sie tun, wenn sie sich in diesem Land für das Kopftuch entscheiden (Zitat 7).
Zitat 1: Das Lustobjekt
"Hidschab ist kein Gebot des Islams (Scharia), sondern ein Gebot der Religion (Din), ergo ein Gebot Gottes. Männer und Frauen sind zwar vor Gott gleich, aber psychisch, physisch und soziologisch unterschiedlich. Die Vernunft der Frauen liegt in ihrer Schönheit, die Schönheit der Männer liegt in ihrer Vernunft' (Hazret Ali) [der vierte islamische Kalif und Nachfolger des Propheten]. Die Frauen neigen dazu, die Triebe der Männer stark zu beeinflussen, deswegen dürfen sie nicht freigelassen [werden], sondern sollen kontrolliert werden. Männer sollen darauf achten, daß Frauen nicht zu einladend wirken. Die Gesellschaft macht sie sonst zum Lustobjekt und beutet sie aus. Um zu verhindern, daß ihre Menschlichkeit und ihre Seele ausgebeutet wird, brachte der Islam den Frauen darum den Hidschab: Hals, Haare, Ohren sind zu bedecken, damit es erst nicht zu Ausbeutung kommt. Hidschab hat mit Moral und Sexualität zu tun, nicht mit Rechten."
(Interview mit dem schiitischen Imam S.T.: Berlin-Neuköln, am 3.03.2002)
Zitat 2: Das religiöse Gebot
"Der Islam (...) gebietet das Einhalten bestimmter Bekleidungsvorschriften (...) und zwar für Mann und Frau. Der Frau ist geboten, sich bis auf Hände, Füße und Gesicht zu bekleiden, dazu gehören einstimmig die Kopfhaare. Für die unterzeichnenden islamischen Organisationen in Deutschland ist das Kopftuch nur ein religiöses Gebot, und kein religiöses oder politisches Symbol."
(Erklärung von 65 islamischen Organisationen in Deutschland zum Kopftuch, am 22.04.2004)
Zitat 3: Recht auf Gleichbehandlung
„Mann und Frau sind gleichwertig vor Gott und Gesetz, biologisch aber sind sie nicht gleich. Das Gebären von Kindern ist eine Gabe, die nur Frauen besitzen. Daraus entstehen Rechte. Es heißt: Männer stehen über Frauen. Das Wort impliziert aber vor allem Schutz und Verantwortung. Frauen zu züchtigen und sie zu kontrollieren ist nicht kompatibel mit anderen Versen des Korans und dem Leben des Propheten. Es gehört schon ein großes Maß an Unverschämtheit dazu, Frauen, die sich bedecken, als Lustobjekte zu beschreiben. Können es noch so große Gelehrte sein: das steht nicht im Koran, also gilt es nicht."
(Hamideh Mohaghegi, Theologin und Vorsitzende des islamischen Frauenvereins HUDA: Vortrag in der Friedrich Ebert Stiftung, Berlin am 15.02.2002)
Zitat 4: Scham
„Das Kopftuch ist keineswegs ein Zeichen der Unterdrückung. Ich will meine Haare nicht zeigen, weil ich mich sonst schäme. Das Kopftuch ist Teil meiner Persönlichkeit. Ohne Kopftuch fühle ich mich nackt. Ein Kopftuch zu tragen ist mein Grundrecht."
(Fereshta Ludin, Lehrerin: FAZ vom 4.6.2003)
Zitat 5: Zwischen Zwang und Ablehnung
„Natürlich gibt es einen gesellschaftlichen Zwang, je nach dem in welchen Kreisen man sich befindet. Meine eigene Empfindung, gerade wegen der aktuellen Kopftuchdebatte, ist es, kleinen Mädchen davon abzuraten einen zu tragen. Nicht nur wegen sozialer Zwänge, sondern auch wegen der Vorurteile der Mehrheitsgesellschaft und den Problemen, die ihr als kleines Mädchen die Stirn bieten muss. Das empfinde ich als viel schlimmer, weil ich das als Kind selber erlebt habe. Es war schlimm sich immer wieder vor diesen Erwachsenen verteidigen zu müssen, die nur darauf aus waren, mich fertig zu machen. Als kleines Mädchen denkt man, dass man gegen sie nichts ausrichten kann, man rennt nur heulend zu den Eltern. Die gesellschaftliche Ablehnung hat sich seit der Kopftuchdebatte verstärkt, deswegen würde ich Eltern abraten, ihre Kinder frühzeitig das Kopftuch tragen zu lassen."
(Sevinc Yilmaz, Studentin, Radiointerview am 17.04.2005)
Zitat 6: Es sind die Männer
"Frauen müssen Kopftücher oder den Hidschab nicht tragen, weil der Koran es so will, sondern weil Männer es so wollen. Männer wollen beschnittene, bedeckte Frauen. Also werden Mädchen beschnitten und bedeckt. Die Argumente dafür sind vielfältig, doch sie laufen alle auf dasselbe hinaus: Frauen sollen ihre Reize bedecken und keine Lust empfinden. Frauen wird unterstellt mannstoll zu sein. Und wenn sie kein Kopftuch trügen, würden sie Männer scharenweise verführen. Nicht umsonst lautete eine Parole der Revolution im Iran: "Frauen bedeckt euch, damit ihr uns nicht von der Revolution ablenkt!"
(Seyran Ates, Große Reise ins Feuer, 2003: S. 245)
Zitat 7: Eine bewusste Entscheidung
Das Kopftuch hat mit Religion, Moral und Kultur nichts zu tun. Die Verhüllung hatte damals (als der Prophet noch lebte) einen ganz anderen, praktischen, Zweck. Damals sollte die Körperverhüllung die gläubigen Frauen von den Sklavinnen unterscheiden, damit sie nicht belästigt würden. Das heutige Befolgen dieser Verhüllungsratschläge (im Koran) hat aber nichts mehr damit zu tun.Trotz dieser Erkenntnisse möchte ich, dass jede Frau, die ein Kopftuch trägt, in Ruhe gelassen wird. Denn ich weiß aus eigener Erfahrung, wie groß die Angst vor Sünde und Glaubensverlust ist. Auf den Frauen lastet zudem ein anerzogenes Schamgefühl und ein starker sozialer Druck. Was ich möchte, ist, dass sie genau wissen, was sie tun, wenn sie sich in dieser Gesellschaft für das Kopftuch entscheiden.
(Emel Abidin Algan, Rede vor dem CSU-Landtag am 30.03.2007)
Die folgende Videosequenz entstammt der WDR-Dokumentation "Verrückt - Eine Muslimin tanzt aus der Reihe" von Cornelia Uebel und Yüksel Ugurlu. Sie zeigt eine Diskussion zwischen Emel Abidin Algan, einem islamischen Gelehrten aus Essen und zwei jungen Lehramtstudentinnen:

