| Schleier oder Verschleierung |
Didaktische Einführung für Lehrerinnen und Lehrer (Kurzkommentar)
Fächerbezug / Thematisierungen
Die unter der Überschrift „Schleier oder Verschleierung" angebotenen Fachtexte, Fotos, Interview- und Filmausschnitte sowie Arbeitsblätter können durch ihren interdisziplinären Ansatz in verschiedenen Klassenstufen und Fächern (wie Deutsch, Gesellschaftskunde, Ethik, Religion usw.) oder auch für fächerübergreifende Sequenzen genutzt werden.
Je nach Fach bieten sich so verschiedene Einstiegsfragen und Thematisierungen an:
a) Gibt es ein Kopftuchgebot im Islam überhaupt? Woher kommt das Kopftuch- und Verschleierungsgebot?
b) Weshalb gibt es unterschiedliche Ansichten, ob und wie die Verschleierung aussehen soll?
c) Was sind aus muslimischer Sicht die Argumente für und gegen das Kopftuch?
Die Arbeitsblätter sind wie folgt den Klassenstufen zugeordnet:
AB1: Schleier – zwei Meinungen – Sekundarstufe I
AB2: Schleier und Koran – die Auslegung – Sekundarstufe II
AB3: Viele Gründe für und gegen das Tragen von Kopftuch – Sekundarstufe I + II
Diese Zuordnung ist nicht verbindlich und nicht unumstößlich. Sie richtet sich nach dem Vorwissen der Schüler und auch danach, wie viel Raum dem jeweiligen Thema im Unterricht eingeräumt wird.
Schülerkompetenzen
Kaum etwas irritiert in Europa mehr als das Tragen des Kopftuches von muslimischen Frauen. In Deutschland beispielsweise hat das Kopftuchverbot für Lehrerinnen in Baden-Württemberg für Furore in Medien und Gesellschaft gesorgt. Kopftuch-KritikerInnen betrachten es als Zeichen für die Unterdrückung der Frau oder aber als religiöses und politisches Symbol, das mit der Vorbildfunktion von Lehrerinnen nicht vereinbar sei. Dagegen sehen KopftuchbefürworterInnen darin ein Bekenntnis zum Glauben, ihrer Herkunftskultur, Schutz vor den Blicken der Männer sowie als Recht der freien Religionsausübung. Diese Kontroversen finden nicht nur zwischen Muslimen und Nichtmuslimen statt, sondern auch unter Musliminnen selbst. Gerade die Quelle für das angebliche Kopftuchgebot – der Koran – ist in diesem Punkt nicht eindeutig, weshalb auch die Interpretationen über Für und Wider sowie die Art und das Ausmaß der Verschleierung so weit auseinander gehen. Darüber hinaus sind sich Muslime allgemein nicht einig, ob das, was im Koran steht, für alle Zeiten gilt, da er ja das lebendige Wort Gottes darstellt, oder ob es nur für die Zeit der Offenbarung gilt. Letztlich ist nicht nur Religion ein entscheidender Faktor bei der Kopftuchfrage, sondern oft sind es auch Traditionen und Gewohnheiten, die Frauen dazu veranlassen ein Kopftuch zu tragen. Fereshta Ludin ist ein Beispiel dafür, dass manche muslimische Frauen sich ohne Kopftuch in der Öffentlichkeit nicht wohlfühlen, da es für sie eine Gewohnheit darstellt (Vergleichbar damit ist z.B. das Tragen kurzer Röcke oder Schuhe mit hohem Absatz, mit denen sich manche Frauen unwohl fühlen).
Die hier vorliegende Einheit lässt muslimische Frauen zu Wort kommen und zeigt, weshalb sich manche Frauen für das Kopftuch und manche Frauen gegen das Kopftuch entscheiden. Sie versucht zu zeigen, dass es letztendlich eine persönliche Entscheidung jeder einzelnen Frau ist, welche Argumente und Interpretationen des Korans und anderer Quellen sie für ausschlaggebend für ihr Leben halten und wie sie ihr Leben führen wollen. Dafür stehen den Schülerinnen und Schülern Fachtexte, Fotos bzw. Auszüge einer Dokumentation sowie Interviewausschnitte mit muslimischen Schülerinnen zur Verfügung.
Das Arbeitsblatt „Zwei Meinungen“ stellt das Leben zweier muslimischer Frauen gegenüber – Fereshta Ludin, eine Frau, die ursprünglich aus Afghanistan stammt und sich ohne Kopftuch in der Öffentlichkeit nicht wohl fühlt, und Emel Abidin Algan, eine Deutschtürkin, die das Kopftuch abgelegt hat. Während die eine, aus einer liberalen Familie stammend, erst mit 14 Jahren zur Religion findet, verlässt die andere aus einer traditionell religiösen Familie den religiösen Rahmen, indem sie das Kopftuch abnimmt und für einen „inneren“ Glauben plädiert. Schülerinnen und Schüler sollen hier erkennen, dass familiärer Hintergrund zwar prägend sein kann, Menschen aber die Freiheit haben, sich von familiären Traditionen und Überzeugungen zu lösen und als Individuen zu agieren – gleich in welche Richtung.
Das Arbeitsblatt „Schleier und Koran – die Auslegung“ ist durch seine koranischen Quellen sehr anspruchsvoll und daher besonders für die Sekundarstufe II geeignet. Es gibt den Schülern die Möglichkeit, sich über das Verschleierungsgebot und dessen religiöse Grundlagen zu informieren. Dazu sind sie aufgefordert, sich mit Auszügen aus dem Koran zu befassen bzw. mit deren Übersetzungen. Die Schülerinnen und Schüler sollen nicht zu einer einheitlichen gemeinsamen Interpretation gelangen, sondern vielmehr erkennen, dass es keine einzig wahre Auslegung geben kann. Die unterschiedlichen Bekleidungstraditionen in der Slideshow und die unterschiedlichen Kleidungsstile der ägyptischen Mädchen sollen eine Vielfalt an Interpretationen der Textstellen des Korans und eine Vielfalt auch an lokalen Bekleidungstraditionen sowie individueller und moderner Stile zeigen. Heterogenität soll damit sichtbar werden.
Das Arbeitsblatt „Viele Gründe für und gegen das Tragen des Kopftuchs“ zeigt u.a. anhand der Dokumentation „Verrückt – eine Muslimin tanzt aus der Reihe“, wie unterschiedlich die Perspektiven muslimischer Frauen auf das Kopftuch sind. Hier geht es nicht darum, zu entscheiden, wer die besseren Argumente hat, sondern Meinungsvielfalt zu erfahren und zu respektieren. Wenn das Kopftuch auf religiöser Ebene diskutiert wird, wie es in der Dokumentation in einer Debatte Emel Abidin Algans mit einer Studentin und einem Hoca der Fall ist, so bezieht sich dies immer wieder auf die Frage, ob der Koran nun wortwörtlich genommen werden muss und für alle Zeiten gültig ist, oder Reinterpretationen möglich bzw. nötig sind.
Diese Einheit kann durch viele andere Beiträge von www.1001-idee.eu ergänzt werden, zum
Beispiel durch:
• Fitness und Trendsport (Sport)
• Frauenfußball in Europa und Nahost (Sport)
• Der Koran (Religion)
• Neue Medien und religiöse Beratung (Religion)
• Islamisches Recht (Recht)
• Muslime in Deutschland (Geschichte)
• Allein Leben (Alltag)
• Kritische Stimmen (Literatur)
