Schleier oder Verschleierung? - Einleitung
Frauen in Teheran, Foto: Anselm Schelcher

In den Jahren 2004 und 2005 erlebte Deutschland eine große öffentliche Debatte über das Kopftuch muslimischer Frauen. Losgetreten wurde sie durch das Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes über die Forderung der Lehrerin Fereshta Ludin, in der Klasse ein Kopftuch zu tragen.

Die Richter wiesen die Bundesländer an, neue Kleidervorschriften für Lehrerinnen zu verfassen und Regeln dafür aufzustellen, wie und in welchem Maße Lehrer und Lehrerinnen ihre religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen im Klassenzimmer zur Schau tragen dürfen. Das richterliche „Nein" verursachte aber auch, dass Rektoren mancher Schulen ihren Schülerinnen verboten, mit bedecktem Kopf in der Schule zu erscheinen. Und obwohl das Urteil dazu keinen Anlass gab, machten Supermärkte und Banken, Kfz-Werkstätten und Jura-Fakultäten es ihnen nach. Die Folge war, dass Frauen mit einem nach islamischen Regeln bedeckten Kopf von der Schule verwiesen wurden oder fortan als Arbeitnehmerinnen unerwünscht waren.

Junge Frau in Teheran, Foto: Anselm Schelcher

In dieser gesellschaftlichen Debatte spielte die innerislamische Auseinandersetzung über das Kopftuch nur eine untergeordnete Rolle - sie wurde kaum von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Dennoch bildeten sich gerade in dieser Zeit eine Menge Standpunkte heraus, die es erlauben, das breite Spektrum muslimischer Stimmen in Deutschland sichtbar zu machen. Es geht in dieser Auseinandersetzung um nicht weniger als das Verhältnis zwischen den Geschlechtern und um verbindliche Normen für das Gruppenverhalten, die bestimmen, wer zur islamischen Gemeinschaft gehört und wer nicht.

Viele gläubige Frauen erhoben darin den Anspruch auf eine eigene Stimme. So manche muslimische Männer nahmen die Debatte zum Anlass, eine vehement konservative Meinung über Ehe und Familie zu vertreten. Die Kopftuchdebatte hat die muslimischen Organisationen in Deutschland zusammenrücken lassen. Im März 2007 wurde sogar der Koordinationsrat der Muslime (KRM) gegründet, der ehemalige Konkurrenten bundesweit erstmalig unter einem Dach versammelt. Aus der Reihe tanzten nur wenige. Eine Ausnahme bildet die sechsfache Mutter und Vorsitzende eines muslimischen Frauenvereins in Berlin, Emel Abidin Algan, die als Reaktion auf Fereshta Ludin ihr Kopftuch ablegte, es dem Museum für deutsche Geschichte übergab und in Zeitungsartikeln und Talkshows ihr Recht auf Selbstbestimmung demonstrierte. Die Hartnäckigkeit, mit der sie seitdem die Haltung muslimischer Männer öffentlich kritisiert, hat dazu geführt, dass sie im Juni 2005 von einem Ältesten der Gemeinde zur Nichtmuslimin (kafir) erklärt und aus der Gemeinde ausgegrenzt wurde.

Junge Frauen in Teheran, Foto: Anselm Schelcher

In diesem Modul wird zunächst das breite Spektrum der innerislamischen Diskussion illustriert. Zu Wort kommen unter Anderem ein schiitischer Imam und die Vorsitzenden mehrerer sunnitischer Organisationen, eine islamische Theologin, Schülerinnen eines Gymnasiums sowie eine säkulare türkische Schriftstellerin.

Darüber hinaus werden Positionen von Schülerinnen vorgestellt, religiöse Quellen erläutert und Schleiermoden präsentiert. Außerdem werden der Verfechterin des Kopftuchs, Fereshta Ludin, sowie der Verfechterin des freien Kopfes, Emel Abidin Algan, jeweils ein kleines Porträt gewidmet. Was bislang fehlt in der Diskussion, sind die verschiedenen Positionen säkularer muslimischer Männer. Es ist an der Zeit, dass auch sie sich öffentlich artikulieren.

Dr. Gerdien Jonker, Georg-Eckert-Institut