| Islamisches Bankwesen - Einleitung |
Bankgeschäfte ohne Zinsen? - Was aus der Perspektive der meisten Bankhäuser, die auf dem deutschen Markt mit unterschiedlichen Zins- und Kreditangeboten um Kunden werben, wie eine absurde Utopie erscheinen mag, ist für zahlreiche Banken und Finanzunternehmen in der islamischen Welt eine Selbstverständlichkeit. Das islamische Bankwesen („Islamic Banking"), eine Sparte von Finanzunternehmen, die es sich auf die Fahnen geschrieben hat, nach islamischen Grundsätzen zu operieren, ist längst ein international florierender Wirtschaftszweig geworden, auch in Europa.
Tatsächlich kennt der Islam eine ganze Reihe von Regeln im Umgang mit Geld und wirtschaftlicher Tätigkeit. Der wesentliche Bestandteil des islamischen Bankwesens ist das Zinsverbot. Andere wichtige Prinzipien sind das Verbot des Handels mit im Islam verbotenen Gütern (Alkohol, Schweinefleisch etc.) sowie das Geschäft mit der Unsicherheit, was in erster Linie Versicherungsgeschäfte betrifft. Im Wesentlichen sind es diese drei Prinzipien, die die Wirtschaftsweise einer islamischen Bank von der einer konventionellen Bank unterscheiden.
Ein islamisches, auf dem Zinsverbot basierendes Finanzsystem entwickelte sich bereits im Mittelalter vor allem im Bereich des Überlandhandels. Schon damals transportierten muslimische Händler Güter rund um das Mittelmeer bis hin nach Indien und ins Baltikum. Für den Transfer von Geld und Gütern orientierten sie sich an den bereits oben genannten islamischen Prinzipien. Eine Wiederbelebung erfuhr das islamische Finanzwesen erst wieder im Jahre 1975, als im Zusammenhang mit den enormen Gewinnen aus dem Ölgeschäft die erste islamische Bank in Dubai gegründet wurde.
Nach der Gründung der ersten privaten islamischen Bank im Jahre 1975, gibt es heute rund 250 islamische Banken vor allem in der arabischen Welt. Längst sind aber auch europäische und amerikanische Banken ins Geschäft mit dem islamischen Geld eingestiegen und haben Produkte für den islamischen Markt entwickelt, um das gesteigerte Interesse an islamischen Finanzprodukten gewinnbringend zu nutzen. Jüngstes Beispiel ist der so genannte „UBS Islamic Fund". Der Aktienfonds wurde im Jahre 2001 aufgelegt und ist der derzeit einzige islamische Aktienfonds, der für deutsche Muslime und Nichtmuslime zugänglich ist. Rein islamische Banken, die ausschließlich nach religiösen Regeln wirtschaften gibt es außerhalb der islamischen Welt bislang nur in England. Ein weiteres Indiz für die wachsende Bedeutung des islamischen Finanzsystems ist die Errichtung des Dow Jones Islamic Market Index im Jahre 1995 in den USA, ein Aktienindex, der dem Deutschen Aktienindex (DAX) oder dem Dow Jones Index in New York entspricht und ein Leitindex für islamische Finanzprodukte ist.
Natürlich stellt sich noch immer die Frage, wie islamische Banken ohne Zinssystem eigentlich existieren können? Dass das islamische Bankwesen auch ohne Zinsen ein lukratives Geschäft darstellt, garantieren eine Reihe islamischer Vertragsmodelle, die den Banken durchaus hohe Gewinne garantieren und mit der Erhebung von Zinsen vergleichbar sind.
Häufig wird nicht nur im christlich geprägten Europa, sondern auch in der islamisch geprägten Welt des Nahen Ostens übersehen, dass das Prinzip des Zinsverbotes kein ausschließlich islamisches Element darstellt. Ebenso wie der Islam kennen auch das Judentum und das Christentum die moralische Kritik am Zinswesen. Sowohl im Neuen als auch im Alten Testament finden sich Passagen, anhand derer sich ein Zinsverbot ableiten lässt.
Moritz Remé, eurient e.V.
Weiterführende Informationen:
Die Website des Islamic Banking Institute in London und bietet nicht nur weiterführende Informationen und ein Glossar mit Erklärungen zu islamischen Begrifflichkeiten an, sondern auch verschiedene Ausbildungswege mit Bezug auf das islamische Bankwesen.



