| Religions- und Minderheitenpolitik |
Die Volksrepublik China verwaltet auf knapp 10 Millionen km² das Erbe des riesigen, zahlreiche Volksgruppen umfassenden Qing-Reiches und pflegt daher ein offizielles Selbstverständnis als „geeinter multi-ethnischer Nationalstaat". Der Anteil der 55 anerkannten Minderheiten an der Gesamtbevölkerung ist mit knapp 10% zwar nicht besonders hoch, dafür bewohnen sie aber zum Teil große, strategisch bedeutsame Grenzgebiete und haben - insbesondere im Falle der Tibeter und Uiguren - ein tendenziell gespanntes Verhältnis zur Zentralmacht.
Für die Regierung ist eine erfolgreiche Minderheitenpolitik ein wichtiger Pfeiler ihrer Herrschaft. „Erfolg" bemisst sich dabei vor allem an der Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Stabilität und nationalstaatlicher Einheit. In den 1950er Jahren wurden traditionelle Vereinigungen als Ausdruck „feudalistischen Aberglaubens" verboten. Für die Muslime bedeutete dies, dass in der anti-traditionalistischen und anti-intellektuellen Atmosphäre der Kulturrevolution (1966-76) zahlreiche Moscheen geschlossen und das Koranstudium untersagt wurde. Seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik verfolgt man in politisch-administrativer und religiöser Hinsicht einen liberaleren Ansatz. 1978 wurde die Religionsfreiheit in der Verfassung verankert - solange ihre Ausübung die allgemeine Ordnung und Sicherheit, Gesundheit der Bürger und das staatliche Bildungswesen nicht beeinträchtigt. Auch rückte chinesische Regierung von einem stark assimilatorisch ausgerichteten Ansatz ab und ging verstärkt zu einer Propagierung von „Einheit in Vielfalt" über. Im 1984 verabschiedeten „Gesetz über die Gebietsautonomie der Nationalitäten" wird Minderheiten formal das Recht auf weitgehende Selbstverwaltung und Pflege ihrer Sprache und Kultur zugestanden. Zudem sind Minderheiten nicht der seit den späten 1970er Jahren praktizierten Ein-Kind-Politik unterworfen.
Die Hui sind mit knapp 10 Millionen Angehörigen die drittgrößte nationale Minderheit der Volksrepublik China. Ursprünglich bezog sich die Bezeichnung „Hui" bzw. „Hui Hui" allgemein auf Muslime. Heute sind die Hui eine Art „Restkategorie" im ethnischen Kategoriensystem der V.R. China: Sie sind eigentlich nur über die geteilte Religion als einheitliche Gruppe identifizierbar und ansonsten sehr heterogen - die Spannweite der Lebensgewohnheiten reicht hier von weitgehend assimilierten Personen in Großstädten bis hin zu strenggläubigen Gemeinschaften.
Die heutige Gemeinschaft der Hui ging aus verschiedenen Einwanderungswellen und einer Vermischung mit Angehörigen anderer Volksgruppen hervor. Aus diesem Grund werden Personen auch aufgrund ihrer arabischen bzw. persischen Vorfahren als zur Hui-Minderheit zugehörig anerkannt, obwohl sie den Islam nicht praktizieren, Schweinefleisch verzehren und chinesisches, volksreligiöses Brauchtum pflegen.
Im Gegensatz zu allen anderen muslimischen Minderheiten leben die Hui nicht konzentriert in einer bestimmten Region, sondern siedeln in allen Provinzen Chinas, häufig auch in Städten. In Peking und Shanghai stellen sie die größte Minderheitengruppe. 1958 wurde ihnen ein eigenes Selbstverwaltungsgebiet (einer Provinz entsprechen) zugesprochen - Ningxia im Nordwesten mit der Hauptstadt Yinchuan. Dort sind sie allerdings im Vergleich zu den Han-Chinesen in der Minderheit. Darüber hinaus verfügen die Hui auf den unteren Verwaltungsebenen über mehrere autonome Präfekturen, Kreise und Marktflecken. Die Hui besitzen keine eigene Sprache, sondern sprechen die jeweilige regionale Variante des Chinesischen bzw. die Sprache der örtlichen Mehrheit (Tibetisch, Mongolisch, etc.). Ihr Wortschatz enthält allerdings eine größere Zahl von arabischen und persischen Lehnwörtern. Sie üben eine Vielzahl von Berufen aus, sind weniger im landwirtschaftlichen Bereich und häufiger im Dienstleistungsbereich (Handel, Service, Transport) tätig.
Die Hui gelten aus staatlicher Perspektive als gut integrierte Minderheit. In den vergangenen Jahren wurden jedoch auch über einige gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Hui und Han-Chinesen berichtet, in der sich die gefühlte Benachteiligung in Politik, Verwaltung und Wirtschaft ein Ventil verschafft.

