Muslime in China

In der Volksrepublik China leben derzeit mehr als 20 Millionen Muslime - mehr als in vielen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens. Der „Korangürtel" des Landes, in dem sich die muslimische Bevölkerung konzentriert, befindet sich im Nordwesten, entlang der ehemaligen Seidenstraße. Aber auch in vielen chinesischen Großstädten findet man muslimische Viertel, und die Hauptstadt Peking allein zählt ungefähr 200.000 Einwohner muslimischen Glaubens.

Koransure auf Arabisch und Chinesisch. Foto: Claudia Schneider

Seit über einem Jahrtausend leben Muslime auf dem Gebiet der heutigen Volksrepublik China. Arabische und persische Händler gelangten erstmals Mitte des 7. Jahrhunderts, zur Zeit der - religiös toleranten - Tang-Dynastie dorthin. Ihr Weg führte sie entweder über die Seidenstraße bis zur Kaiserstadt Chang'an, dem heutigen Xi'an, oder aber sie reisten auf dem Seeweg, der „Gewürzstraße", nach Südostchina. Weitreichende Folgen hatte auch die territoriale Expansion des mongolischen Reiches, das von 1271 bis1368 China regierte. Die damaligen Kaiser holten zahlreiche muslimische Handwerker, Gelehrte und Künstler nach China und erbaten von den verbündeten islamischen Reichen Soldaten zur Unterdrückung von Aufständen im eigenen Land. Einige der muslimischen Gemeinschaften in den Grenzregionen sind auf diese Weise entstanden. Die Turkvölker im zentralasiatisch geprägten Nordwesten hingegen wurden zwischen dem 10. und 17. Jahrhundert allmählich islamisiert.

Die Geschichte der Muslime in China ist eine Geschichte des friedlichen Miteinanders und des kulturellen Austausches, aber auch des Konflikts und der Konfrontation. Ihre wirtschaftliche und politische Rolle war dabei abhängig von den Spielräumen, welche die Strategien zur Grenzsicherung, aber auch die offizielle Haltung gegenüber ausländischen „Barbaren" im Allgemeinen boten. Ähnlich wie die Mongolen setzte auch die nachfolgende Ming-Dynastie (1368-1644) Muslime als Verwaltungsbeamte, Grenzschützer und Steuereintreiber ein. Ihre erste Hauptstadt Nanjing war ein Zentrum muslimischer Gelehrsamkeit, und von 1405-1433 erhielt der muslimische General Zheng He die Erlaubnis, mit einer großen Flotte bis Afrika zu segeln. Gleichzeitig schränkte diese Dynastie Muslime zeitweise in ihrer Religionsausübung ein, verhinderte das Entstehen größerer geschlossener muslimischer Siedlungen und ordnete den Gebrauch der chinesischen Sprache an. Unter der nachfolgenden Qing-Dynastie (1644-1911) lösten staatliche Repressionen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zahlreiche „Mohammedaneraufstände" aus.

Nach Gründung der Republik China (1911) konnten Muslime durch Auslandsstudien, Pilgerfahrten nach Mekka, Zeitschriften, Vereinigungen etc. von den damaligen politischen und gesellschaftlichen Neuerungen profitieren. In Peking, dem neuen kulturellen Zentrum des chinesischen Islam, suchte man zu jener Zeit über die Betonung von modernem Gedankengut und (chinesischer) Bildung nach religiöser Erneuerung. Im Nordwesten hingegen reagierte man auf die Veränderungen eher mit einer konservativen Wiederbelebung des Islams. Dort mündeten Unabhängigkeitsbestrebungen auch in die kurzlebige Republik Ost-Turkestan, die aber bereits 1949 wieder in das chinesische Staatsgebiet eingegliedert wurde.

Eine religiöse Besonderheit in China sind weibliche Imame (chines. ahong - vom Persischen akhong), die in speziellen Frauenmoscheen lehren.

Claudia Schneider, Universität Leipzig