Die Formulierung eines „Exils“

Der Islam in der Fremde unterscheidet sich deutlich vom Islam in den Ursprungs-gesellschaften. Dort prägen islamischer Glaube und religiöse Praxis den Alltag. Das Leben der Muslime in Europa ist dagegen vom Widerspruch geprägt, als Minderheit in nicht-muslimischen, säkularen und sich rasant wandelnden Gesellschaften leben zu müssen. Muslimische Migranten erfahren daher das Zusammengehen der von ihnen importierten Bräuche und Traditionen mit den europäischen Normen und Lebensentwürfen als Spagat. Für so manchen führt das Ringen um Kontinuität und Bewahrung der kulturellen Eigenständigkeit zu (selbst-)essentialistischen Positionen: Religion wird in dem Maße zum leitenden Identitätsmerkmal wie die Migration als Exil empfunden und als solches mystifiziert wird. „Europa" bietet zwar das Potential für individuelle Gleichberechtigung, dem steht aber gegenüber, dass mit der Migration nach Europa die eigene ehemals stabile Identität brüchig wird. Um diesen Widerspruch zu kompensieren, ersetzen die meisten den zukunftsträchtigen Raum Europa durch die Idee von der Gemeinschaft aller Gläubigen (Umma) und stellen damit die Kollektivität über die Individualität. Das Repertoire der Umma ist allen aus der Heilsgeschichte des frühen Islam bekannt; für die neue Situation muss sie nur noch neu durchdekliniert werden.

Viele Migranten fehlt außerdem die Überzeugung, in der Kultur der Aufnahmegesellschaft Wurzeln gefasst zu haben. Stattdessen konstruieren sie eine virtuelle Gemeinschaft von Gläubigen, nach deren Normen nun das Verhalten des Einzelnen gemessen wird. Religion setzt hier neue Grenzen, die allerdings nicht mit einer geographischen Region korrespondieren, sondern vielmehr im Kopf und in Form von Diskursen gezogen werden. Da diese Grenzen nicht territorial gebunden sind, müssen sie permanent debattiert werden, eben weil sie erfunden und nicht stabil sind. Meinungsführer in diesem Prozess stammen nicht selten aus den Reihen der jungen, intellektuellen und aufstrebenden Nachkommen der Einwanderer.

Weiter mit Kulturschock und Marginalisierung...