| Eine komplexe Gemengelage |
Was sich hier auftut, ist eine komplexe Gemengelage. Ich fasse sie abschließend in fünf Schritten zusammen.
I. Im migrationspezifischen Kontext stellen die islamischen Religionsgemeinschaften ein soziales Milieu dar, welches die Fähigkeit zu haben scheint, Menschen erfolgreich zu mobilisieren. Viele Migranten lassen sich tatsächlich für den Bau einer Moschee, die Errichtung von muslimischen Friedhöfen und die Einführung von islamischem Religionsunterricht finanziell und ideologisch einbinden. Darüber hinaus lassen viele sich, zumindest rhetorisch, von revolutionären Projekten wie die „Islamisierung Europas" oder die „Vernichtung" des „Satans des Westens" begeistern. Dabei mögen sie den radikalen Diskurs gutheißen, dass heißt aber noch lange nicht, dass sie auch mit den Mitteln einverstanden sind. Diese wenig beachtete Differenz erklärt die Tatsache, warum Al-Qaida zwar weltweit mehrere Millionen verbal bekennende Anhänger, jedoch nur einige wenige Tausend Kämpfer zur Verfügung hat.
II. Der „Kulturschock" in und mit Europa hat Spannungen und Identitätsprobleme zu Tage treten lassen, die im Augenblick die Tendenzen zu Radikalisierung unter den (vorwiegend) jungen Muslimen in Europa zu verstärken scheinen. Sozial isolierte Menschen sind dafür anfälliger als die, welche in Religionsgemeinschaften eingebunden sind. Die Migrantengemeinschaften und - Milieus tragen hingegen das Potential in sich, diese Tendenzen wieder zu entschärfen. Isolierte Menschen finden nämlich radikale Gruppen attraktiv, gerade weil diese „Gemeinschaft" versprechen und sie fühlen sich zu radikalen charismatischen Führern angezogen, eben weil diese „Sicherheit" verheißen. Dennoch entlädt sich Isolierung nur im Ausnahmefall in politischem Radikalismus. Dieses Bedürfnis nach Gemeinschaft und dieses Zögern können sich die „normalen" Migrantennetzwerke zunutze machen, indem sie den Jugendlichen eine Alternative bieten.
III. Wenn jemand "zwischen den Zeilen liest", wenn er mit jungen Muslimen in Deutschland und Europa spricht, wird sehr klar, dass Identitätsunsicherheit der Kern für eine große Anzahl von Problemen ist, denen sie gegenüberstehen. Die Reibung zwischen importierten Idealen des sozialen Umganges und den Normen der westlichen Gesellschaften - die nicht selten von Ambivalenz und Relativität gekennzeichnet sind - stellt sich als schwieriger im Umgang dar, als die täglichen Erfahrungen von Diskriminierung und sozialer Benachteiligung. Im Westen fehlt den jungen Muslimen ein gewisses "Absolut", das als das Zentrum des Lebens funktioniert. Die Entfremdung manifestiert sich sogar im täglichen Sprachgebrauch. Der Gebrauch des deutschen Konjunktivs - wie "es könnte sein, muss aber nicht" - macht es für junge Muslime schwierig sich zu orientieren und verbindliche Entscheidungen zu treffen. Das "Fehlen eines Zentrums" und das "Ende der Metaphysik" schürt ihre Ängste, dass sich die Linie zwischen dem "heiligen" und dem "profanen" auflösen könnte.
IV. Obwohl viele junge Muslime in (West) Europa Probleme des Fremdseins und damit verbundenen Identitätskonflikte erfahren, unterlässt es die Mehrheit, einen Konfrontationskurs mit der Gastgesellschaft zu suchen. In gewisser Weise ist es den Feilschregeln auf einen "orientalischem Basar", mit denen sie vertraut sind, nicht unähnlich: man muss konstant die eigenen Interessen bewerten. Obwohl sie es selten zugeben, haben diese jungen Leute oft eine elastische Identität. Sie wählen aus einer Vielzahl an Werten, die ihnen von ihrer Familie und ihrer Gastgesellschaft angeboten werden und verhandeln ihre Lebensperspektiven immer auf Neue. Der Einzelne ist sich dessen nur selten klar.
V. Diejenigen Menschen, die vor der Idee der „Verseuchung" - was sie als ihre „wahre kulturelle Identität" verstehen - zurückschrecken, oder die unfähig sind, mit fremden Werten zurecht zu kommen, tendieren zum Rückzug in die Isolierung. Die Konfrontation mit dem europäischen Alltag nimmt rapide ab und die Kräfte der Anpassung schwinden zunehmend. Die soziale Spannung bleibt jedoch dieselbe. Menschen, die in diese Enge geraten, sind unfähig den zunehmenden Druck und die Erwartungen an ihre Person zu reduzieren oder gar zu vermeiden. Sie ziehen es vor, die Konflikte, die sie zerreißen, auf die Welt um sich herum zu projizieren. Ein konstruierter, imaginärer Islam unterstützt ihnen mit einer „wütenden Antwort" auf ihre soziale Lage, wie er ihnen auch die geopolitischen Konflikte erklärt, die sie für ihre Situation verantwortlich machen. Wie diese „wütenden Antworten" aussehen können, ist an den Attacken auf New York, Madrid und London deutlich abzulesen.

