| Entfremdung und Radikalisierung |
In der Fremde gewinnt die Religion, welche für die meisten Muslime ohnehin ein zentrales Identitätsmerkmal ist, zusätzlich an Bedeutung. Das Fehlen der gewohnten kulturellen Umgebung sowie der Wunsch nach Orientierung erscheinen vielen Einwanderern als Dilemma. Sie haben den Eindruck, zwischen verschiedenen Optionen wählen zu müssen: Manche assimilieren sich in die Strukturen des Einwanderungslandes; andere schaffen sich der Heimat ähnliche Ersatzstrukturen oder gliedern sich in bereits vorhandene Einwanderungsstrukturen ein; wieder andere wählen die Option des Rückzugs und der Isolierung.
Im Folgenden soll diese letzte Option des Rückzugs und der Isolierung näher betrachtet werden. Sie ist zwar nur eine Option unter vielen, stellt aber, anders als die anderen, die Weichen für Radikalisierung und Gewalt. Ziel dieses Beitrags ist es, die Stadien der Isolierung näher zu betrachten und die Faktoren und Formen der Radikalisierung zu benennen. Der Text will klären, warum die Radikalisierung für muslimische Jugendliche in (West) Europa im Augenblick eine vertretbare Option darzustellen scheint.
Nach einer Beschäftigung mit der Frage "Warum Muslime? " werden drei Stadien des Rückzugs und der Isolierung erläutert, die letztlich in die Entfremdung und Radikalisierung junger Muslime in europäischen Gesellschaften münden (Die Formulierung eines "Exils", Kulturschock und Marginalisierung, Formulierung eines Notstandes). Eine abschließende Betrachtung erläutert die Komplexität der Situation.
Hamed Abdel-Samad, Georg-Eckert-Institut
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