| Kulturschock und Marginali- sierung |
Jede Migration ist mit Identitätskonflikten verbunden. Von muslimischen Einwanderern werden diese jedoch sehr stark als Kulturschock und Entfremdung wahrgenommen. Die Normen einer „Konsum, Spaß- und Leistungsgesellschaft" sind ihnen fremd und werden vor allem von muslimischen Männern als eine Art kultureller Gewalt der westlichen Gesellschaft ihnen gegenüber empfunden. Die Offenheit der (West-) Europäer im Hinblick auf den Umgang mit Alkohol und Sexualität wirkt schockierend vor allem auf jene, die damit vorher keine Erfahrungen gemacht haben. Auch die eher marginale Stellung der Religion in der Gesellschaft sowie der in Westeuropa übliche „aufgeklärte" Umgang mit heiligen Symbolen verunsichern Menschen, für die das ‚Heilige' unantastbar ist. Die „Zentrumslosigkeit" und das „Ende der Metaphysik" schüren bei gläubigen Muslimen die Angst vor einer kompletten Auflösung ihrer Werte sowie vor dem Verschwinden der Grenzen zwischen dem „Heiligen" und dem „Profanen", zwischen „Fremdem" und „Eigenem".
Dazu kommt die Erfahrung der Marginalisierung, die als eine doppelte Entfremdung erlebt wird. Marginalität ist „gekennzeichnet durch enge Beziehungen von Personen zu unterschiedlichen Gruppen bei ungeklärter Zugehörigkeit." (Heckmann) Einiges spricht für die Hypothese, dass die emotionale und soziale Isolierung den Anschluss an radikale Gruppen erheblich begünstigt. Als die wichtigsten Formen der Isolierung können demnach unterschieden werden: (1) Selbstisolierung, (2) Isolierung durch Diskriminierung und (3) Marginalisierung, i.e. Gruppenisolation.
Fügt sich zu diesen beiden Faktoren eine fundamentalistische Infrastruktur, entweder durch die Nähe zu einer radikalen Gruppe oder durch das Vorhandensein eines charismatischen Führers, so schließt sich der Kreis und es kann die Radikalisierungslaufbahn angetreten werden. Es scheinen vor allem die Minderwertigkeits- und Machtlosigkeitsgefühle zu sein, die den Jugendlichen in die Arme extremistischer Organisationen treiben. Diese geben den Jugendlichen ihr Selbstwertgefühl und ihre Handlungsfähigkeit zunächst zurück, um ihnen dann später wieder alles abzuverlangen. Der spezifische „Mitgliedsstatus", der ihnen in der radikalen Organisation erstmals verliehen wird, bietet somit eine Kompensation für die frustrierenden Erfahrungen von Entfremdung und Marginalisierung, in denen sich Unterlegenheit, Erfahrungen mit dem Abgewiesensein und den „normalen" Konflikten von Heranwachsenden mit der eigenen Familie mischen.
Erstens gibt es den archaischen Konservatismus, eine Tendenz, die häufig in Migrantengruppen vorkommt, welche aus ländlichen, patriarchalisch geprägten Regionen stammen, in denen nur ein geringer Grad an Bildung verfügbar ist und Stammesgesetze Anwendung finden. Diese Form muss nicht notwendiger Weise auf religiösen Gesinnungen beruhen, dennoch wird die Religion häufig für alle möglichen Ansichten und Handlungen instrumentalisiert. Die Gewalt, die innerhalb dieser Atmosphäre entsteht, ist für gewöhnlich nicht gegen das Gastland gerichtet. Vielmehr werden die „Abtrünnigen" der Diaspora-Gemeinschaft Opfer der Gewalt, da ihnen die Gefährdung der Integrität und Stabilität dieser Gemeinschaft zur Last gelegt wird. Diese Form der Radikalisierung zeigt sich an den Beispielen der Ehrenmorde und Zwangsheiraten, welche von einigen europäischen Regierungen zurzeit als neue Art öffentlicher Probleme wahrgenommen wird. In Deutschland, zum Beispiel, zeigen sich unter einigen Gruppen der türkischen Migranten Werte-, Gesinnungs- und Verhaltensnormen, die in der Türkei selbst schon lange nicht mehr aktuell sind. Die virtuelle Gemeinschaft in der Diaspora fühlt sich dennoch von diesen Moralvorstellungen abhängig. Dabei werden nicht nur blasphemische Verfehlungen oder die Abtrünnigkeit schwer bestraft, sondern auch verschiedene Formen liberalen Denkens oder westlicher Orientierung. Charakteristisch für solche Milieus sind Forderungen nach bedingungsloser Solidarität und sozialer bzw. moralischer Kontrolle.
Zweitens sind junge Menschen, die in schwachen sozialen Strukturen aufwachsen, besonders anfällig für eine Form der Radikalisierung, welche ich als Eskapismus bezeichnen möchte. In diesen Fällen ist weder die eigene Familie, noch die Gastgesellschaft in der Lage, eine adäquate Lebensführung anzubieten. Frustration und mangelnde substantielle und positive Perspektiven für die Zukunft treiben diese Jugendliche dazu an, so genannte Türken-Banden zu bilden und führen zu unkontrollierten Gewaltausbrüchen u. a. gegen Mitglieder der eigenen Gemeinschaft. So sind, zum Beispiel im Stadtteil Mühlheim in Köln, Straßenkämpfe zwischen Türken und Arabern an der Tagesordnung, auch wenn beide Seiten der selben Religion angehören.
Drittens gibt es den religiösen Avantgardismus. Er kann in den Biographien einiger radikaler Individuen gefunden werden. Diese nehmen generell Abstand von traditionellen Formen des Islams, indem sie sich klar von dem so genannten „Mainstream-Islam" in Europa distanzieren.
Haben sie sich einmal von ihrem ursprünglichen Milieu entfernt, so werden isolierte Menschen sich in den seltensten Fällen in die Gastgesellschaft integrieren und sie erleiden somit eine doppelte Marginalisierung. Ein Mangel an Integration ist besonders kritisch bei den Muslimen der zweiten Generation. Besonderes alarmierend ist die Tatsache, dass viele gebildete Mitglieder der zweiten Generation im Radikalisierungsprozess tonangebend sind. Dennoch soll zwischen Tendenzen der Islamisierung und Versuchen der Mobilisierung für den internationalen Dschihad unterschieden werden. In der Tat verfolgen viele türkische Islamisten in Deutschland, Österreich und der Schweiz die Illusion der Islamisierung Europas, doch scheinen sie weder ein Konzept noch die Mittel dafür zu haben. Allein schon die Bezeichnung „Islamisierung Europas" impliziert bereits, dass diese Islamisten das Interesse an „Europa" nicht verloren, sondern dieses Kontinent eher als Mittelpunkt ihres Leben ausgesucht zu haben. Terroristen dagegen scheinen alle Brücken zu Europa zerschlagen zu haben. Die Vernichtung, nicht die Bekehrung des Feindes ist ihr Ziel.
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