| Didaktischer Kommentar |
Marokko: Versöhnung nach der Diktatur - wie geht das?
Didaktische Einführung für Lehrer und Lehrerinnen (Kurzkommentar):
Gegenwartsbezüge
Erinnerungen an politische Verfolgung, Folter und Mord können zu Konflikten führen: Wie soll der Staat damit umgehen? Im Jahr 2004 ließ König Mohammed VI. eine Kommission für Gerechtigkeit und Versöhnung einrichten, um politische Verfolgung in der Amtszeit Hassans II. (1956-1999) aufzuarbeiten. In kritischen Filmen, Büchern und Comics suchen ehemals Verfolgte Ausdrucksmittel, um ihre Erfahrungen zu verarbeiten und jetzt auch in Marokko öffentlich zu machen.
Einstiegsimpulse, Problemfrage
Tausende private Erinnerungen an Menschenrechtsverletzungen drohten, die Gesellschaft Marokkos zu spalten. Sie zu verdrängen war, auch international, nicht länger durchsetzbar, denn Kreditgeber wie die Weltbank machten Druck. Wie sollte der Staat mit diesen Erinnerungen umgehen? Was musste sich ändern? Würde eine öffentliche Diskussion zur Versöhnung beitragen oder Hass und neue Spannungen hervorrufen? Sollten die amtlichen Täter strafrechtlich verfolgt werden?
Erinnerungspolitik: Die Kommission für Gerechtigkeit und Versöhnung
Marokko ist das erste Land in der Region Naher Osten / Nordafrika, das eine Kommission zur Aufklärung über Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land berief, die auch Reformen vorschlug. An die Stelle von Unterdrückung und Tabuisierung tritt die Chance auf eine Geschichtskultur in Marokko, die gegensätzliche Erinnerungsstränge zulässt und so pluralistisch Versöhnung anstrebt. Ihre Medien sind öffentliche Zeugenanhörungen, aber auch Spielfilme, Romane und Comics. Ein Vergleich mit der Wahrheitskommission in Südafrika liegt nahe.
Schülerkompetenzen
Um den Umbruch vom autoritären Staat zu einer liberaleren Politik zu untersuchen, müssen die Schülerinnen und Schüler ihr Wandelbewusstsein trainieren. Dazu untersuchen sie verschiedene Quellengattungen: einen autobiographischen Comic, eine Spielfilmszene, einen neutralen Menschenrechtsbericht. Sie schätzen den Aussagewert und die Wirkung solcher fiktionaler Medien ab. Sie beziehen aber auch die Perspektive des Staates ein, für den die Kritik vergangener Fehler riskante Legitimationsdefizite hervorrufen kann. Aber auch das Moralbewusstsein ist ange-sprochen: Das staatliche Angebot von Gerechtigkeit und Versöhnung kann langfristig neue Legitimität und gesellschaftliche Harmonie fördern.
Der Umfang der Unterrichtsreihe: das Baukastenprinzip
Zumindest sollten der Einleitungstext und die Arbeitsblätter mit dem Comic sowie dem Men-schenrechtsbericht bearbeitet werden. Motivierend sind auch die weiteren Materialien (Film-sequenz!). Aktualisierend kann eine Internetrecherche erfolgen. Ein Vergleich etwa mit der Wahrheitskommission in Südafrika kann Unterschiede und Ähnlichkeiten aufzeigen. Der In-ternationale Strafgerichtshof der UN in Den Haag kann den Aspekt internationaler Institutionen einbeziehen.

