Geheim- gefängnis Tazmnmart

1971 und 1972 gab es jeweils einen Putschversuch gegen König Hassan II. Die ausführenden Kräfte fanden sich in den Reihen des Militärs. Die Hauptverantwortlichen wurden direkt nach ihrer Ergreifung ohne gerichtlichen Prozess erschossen. 56 weitere Personen, die an den Anschlägen beteiligt waren, oft aber bis zur letzten Minute dachten, sie würden an einem Manöver teilnehmen, wurden Opfer von Folter, nicht-rechtsstaatlichen Prozessen und willkürlicher Haft.

56 Personen wurden 1973 in das geheime Gefängnis Tazmamart überführt. Tazmamart liegt im Mittleren Atlas, einem Gebirgszug am Rande der Sahara. Das Gebäude war extra für die Insassen hergerichtet worden, es besaß weder Fenster noch elektrisches Licht.

Die Gefangenen hatten weder die Möglichkeit sich von ihren Familien zu verabschieden, noch wussten die Familien, wo sie sich aufhielten und ob sie noch lebten. Von den 56 Männern haben 20 überlebt, über die Hälfte ist an den schrecklichen Bedingungen, der mangelnden Ernährung und Hygiene, der Kälte im Winter und Hitze im Sommer und aufgrund fehlender Medikamente gestorben. Einige verloren den Verstand und mindestens einer beging Selbstmord.

Die Mehrheit der Überlebenden berichtet heute öffentlich aus ihrer Zeit in Tazmamart. Die folgenden zwei Abschnitte sollen einen Einblick in den schrecklichen Alltag des inzwischen berühmtesten, ehemals geheimen Gefängnisses Marokkos geben.

Tazmamart: Zelle 10 - von Ahmed Marzouki

Tazmamart - Cellule 10 ("Tazmamart - Zelle 10"). Quelle: Ahmed Marzouki, Paris 2000.

Achmed Marzouki ist 18 Jahre alt, als er nach dem gescheiterten Attentat auf Hassan II. interniert wird. Seine Zelle 10 ist ein kaum belüfteter, von Ungeziefer verseuchter Raum, zweieinhalb auf zweieinhalb Meter groß, einschließlich des Lochs im Boden, das als Toilette dient.

In Tazmamart, in mehr als 1500 Metern Höhe, waren die Nächte sehr kühl, und es wurde eisig kalt, sobald der Wind sich drehte oder der Himmel sich bewölkte. Im Dezember, Januar und Februar sank das Thermometer oft unter den Gefrierpunkt. Unsere täglichen fünf Liter Wasser bekamen wir erst am Mittag oder frühen Nachmittag, wenn das Wasser in den Leitungen aufgetaut war. Aber auch von Anfang Oktober bis Ende April kamen wir buchstäblich vor Kälte um. Unsere dünnen Kleider boten keinen Schutz und die zwei zugeteilten Decken wärmten auch nur unzureichend - wenn man diese überhaupt aufbewahrt, und nicht wie einige, die an den Winter nicht dachten, sie kurz nach der Aufnahme ins Gefängnis zu allerlei Zwecken zerrissen oder zerschnitten hatte.

Jeder versuchte auf seine Art, sich gegen die Kälte zu wehren: Einige hüpften die ganze Nacht auf der Stelle, andere liefen unaufhörlich im Dunkeln auf und ab, andere rieben sich am ganzen Körper mit den Händen, vergeudeten aber dadurch wertvolle Energie - für solche Übungen waren sie eigentlich zu schwach. Selbstmordgedanken kamen häufiger auf. Viele von uns gaben sich der Verzweiflung hin, und man hörte manchmal Mitinsassen schluchzen. Einige träumten im Schlaf oder Wachzustand von der Hölle, sie wurden von Feuervisionen heimgesucht... Bei Tagesanbruch waren wir so erschöpft, dass wir einschliefen, zumal die leicht steigende Raumtemperatur uns dazu verhalf, in den Schlaf zu finden.
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Auszug aus: „Tazmamart - Cellule 10" von Ahmed Marzouki, Paris, Casablanca 2000, S. 124/ 125.
    
Kabazal: Les Emmurés de Tazmamart - von Abdelhak Sherhane

Kabazal: Les Emmurés de Tazmamart. Quelle: Abdelhak Sherhane, Casablanca 2003.

Dieses Buch beruht auf den Erinnerungen von Salah und seiner Frau Aïda Hachad. Hachad ist Jagdflieger der marokkanischen Luftwaffe, als er sich in einem vom Verteidigungsminister Oufkir geplanten Anschlag auf Hassan II. wiederfindet.

Waren die Gefängniszellen keine Kühlschränke mehr, so verwandelten sie sich alsbald in Verbrennungsöfen. Tazmamart ist sommers wie winters die Hölle. Das Doppeldach aus Wellblech speicherte die Sonnenhitze, die manchmal um die fünfzig Grad im Schatten erreichte. Das bis zur Weißglut erhitzte Blech ließ die sengende Luft durch die Dachöffnung ein. Wir erstickten und versuchten, durch irgendwelche Löcher nach kühlerer Luft aus dem Flur zu schnappen. Aber es gab keine Luft und wir verdankten unser Überleben nur der äußersten Willensanstrengung, den Tod so weit wie möglich von uns fernzuhalten. Es wimmelte nur so von Getier und Parasiten, auf dem Flur machten Schlangen Jagd auf Ratten. Aber mehr noch als vor Skorpionen, Schlangen, Schaben, Läusen, Spinnen und Eidechsen fürchteten wir uns vor Wanzen. Dieses Ungeziefer haftete an unseren abgemagerten Gliedern und sog das bisschen Blut, das durch unsere grauen Adern noch mühsam floss. Alle Zellen waren voller Wanzen und wir verbrachten unsere Nächte damit, diesen Eindringlingen bis in die kleinsten Mauerritzen, in Betonfalten oder durch Nägel und Verschalungsbretter entstandene Risse nachzujagen. Jeden Morgen stellten wir die Bilanz unserer nächtlichen Verfolgungsjagd auf. Wer die meisten Wanzen vernichtet hatte, hielt den Tagesrekord."

Auszug aus: «Kabazal - Les Emmurés de Tazmamart». Mémoires de Salah et Aida Hachad von Abdelhak Sherhane, Casablanca 2003, S. 73f.