Vergangenheitsaufarbeitung in Marokko
Karte von Marokko. Quelle: Wikipedia

Marokko erscheint in den westlichen Medien häufig als schönes Urlaubsland, mit sonnigen Stränden und weiter Wüste. Weniger Beachtung findet die dunkle Vergangenheit des Landes: 1961, fünf Jahre nach der Unabhängigkeit von Frankreich, besteigt König Hassan II. den Thron. In den folgenden 30 Jahren, bis Anfang der 1990er Jahre, führt er eine gefürchtete Schreckensherrschaft. Die politische Opposition wird mit allen Mitteln aus dem Weg geräumt. Viele werden getötet, gefoltert und verbringen zum Teil lange Jahre ihres Lebens unrechtmäßig im Gefängnis oder werden ins Exil getrieben.

Die Unzufriedenheit der Bevölkerung ist aus zahlreichen Gründen groß: schlechte Lebensbedingungen, zu hohe Gebühren für Schule und Universität oder die Korruption der Machthabenden. Kaum jemand traut sich die Missstände zu benennen. Besonders Angriffe gegen die Monarchie werden schwer geahndet. Die Willkür, mit der über Menschen verfügt wird, ist für die Bürger außerordentlich schwer zu ertragen. Oft genügen kleine Vergehen, um Personen über Jahre im Gefängnis verschwinden zu lassen, um damit ein Exempel zu statuieren.
Anfang der 1990er Jahre beginnt, aufgrund sich ändernder innenpolitischer und internationaler Bedingungen, ein Prozess der politischen Liberalisierung in Marokko. Ausgelöst durch eine hohe Staatsverschuldung verschärfen Weltbank und Internationaler Währungsfond ihre Bedingungen. Das trägt zu verstärkter Armut und einem erhöhten politischen Druck auf das Königshaus bei. Daraufhin verspricht Hassan II., eine neue Politik einzuleiten.
Ein Konsultativrat für Menschenrechte wird gegründet und Menschenrechtsorganisationen beginnen sich zu formieren.

Mohammed VI. präsentiert sich gerne als der König der Jugend. Quelle: Botschaft des Königreichs Marokko

Hassan II. stirbt 1999. Bis heute verfolgt der Thronfolger Mohammed VI. eine weitere politische Öffnung des Regimes. Der junge König erkennt an, dass unter der Regierungszeit seines Vaters schwere Menschenrechtsverletzungen stattgefunden haben. Von nun an ist es möglich, öffentlich über diese zu schreiben.

Anfang 2004 setzt König Mohammed VI. eine im Prinzip unabhängige "Nationale Kommission für Gerechtigkeit und Versöhnung" ein. Ihre Aufgabe ist es, Licht in die dunklen Geschehnisse der Vergangenheit zu bringen, einen Plan zur finanziellen Entschädigung für die Opfer zu entwerfen und Änderungen für einen institutionellen Wandel vorzuschlagen, um Menschenrechtsverletzungen künftig zu verhindern. Die Arbeit dieser Wahrheitskommission endet im November 2005 mit der Veröffentlichung eines Abschlussreports. Es ist noch zu früh, um die Arbeit der Kommission und die Umsetzung der Empfehlungen zu evaluieren. Allerdings wird sie von vielen Kritikern abgelehnt, da die Namen der Täter und Verantwortlichen nicht genannt werden dürfen.

Hassan II. bei einem Besuch in den Vereinigten Staaten 1983. Quelle: Wikipedia

Erfahrungsberichte von Opfern der Menschenrechtsverletzungen, die früher nur im Ausland und besonders in Frankreich erscheinen konnten, werden nun auch in Marokko verlegt. In wenigen Jahren erscheinen über 300 Veröffentlichungen in Form von Tagebüchern, Gedichten, Romanen und Comics; inzwischen findet das Thema auch Eingang in Lieder und Filme. Diese neue Freiheit wird genutzt, um Ideen auszutauschen, zu diskutieren und zu trauern, um letztlich auf diese Weise das Erlebte zu verarbeiten. Individuelle Erfahrungen von Gefängnis und Folter, die einst unaussprechlich waren, erscheinen nun im öffentlichen Leben, in Kunst und Literatur und nicht zuletzt in den Medien.

Vielen Menschen fällt es nicht leicht über das Erlebte zu berichten und die Ereignisse noch einmal so nah an sich heran zu lassen. Dennoch ist es für sie wichtig, über ihre Erlebnisse zu berichten, sei es, um selbst damit abschließen zu können, um eine breite Öffentlichkeit zu sensibilisieren oder um eine Anerkennung des erfahrenen Unrechts und eine Wiedergutmachung zu erfahren.

Marokko ist auch heute noch kein Rechtsstaat. Gewaltenteilung gibt es nicht, d.h. alle Macht liegt in den Händen des Königs. Wahlen werden zwar regelmäßig abgehalten, aber es wird nur über die Zusammensetzung des Parlaments entschieden, das wenig zur Regierung des Landes beitragen darf. Auch Menschenrechtsverletzungen finden, allerdings in geringerem Ausmaß, weiterhin statt.

In dieser Einheit findet ihr Beispiele der künstlerischen Auseinandersetzung mit der marokkanischen Vergangenheit, Auszüge aus Büchern und Comics sowie eine Filmsequenz von Opfern, die über ihre Schicksale unter der Schreckensherrschaft von Hassan II. berichten.

Petra Schultz, eurient e.V.