| Fernsehprediger |
Amr Khalid ist der unumstrittene Star unter den Fernsehpredigern. Während Yusuf al-Qaradawi noch mit einer traditionellen religiösen Ausbildung aufwartet, die er ins Fernsehen trägt, ist Amr Khalid ein ägyptischer Buchhalter aus gutem Hause, der sich als „wiedergeborener Muslim" versteht und daraus ein immenses Sendungsbewusstsein und einen Drang zur Missionierung entwickelt hat. Seine Aufmachung mit Anzug und gut getrimmtem Schnurrbart grenzt ihn schon rein äußerlich von den typischen religiösen Gelehrten ab. Er predigte zunächst auf Privat-Veranstaltungen und nahm seine Predigten mit unternehmerischem Geschick auf Kassetten und Videos auf. Deren Verkaufserfolge in Ägypten ließen den gerade erst entstandenen ersten ägyptischen Privatsender Dream TV 2001 auf ihn aufmerksam werden. Der Sender konzipierte eine Show für Khalid, die denen der amerikanischen TV-Prediger nachempfunden war.
Mittlerweile hat Amr Khalid mehrere Sendungen auf dem pan-arabischen Islam-Kanal Iqra. Seine volksnahe Art und Sprache, sowie das Herstellen einfacher Ableitungen aus dem Koran und der islamischen Geschichte auf das heutige Leben waren entscheidend für den Erfolg Amr Khalids. Mit Bezugnahme auf aktuelle politische Themen und sozialen Fragen erreicht er vor allem Jugendliche und junge Erwachsene der arabischen Mittelschichten, die in den autoritären politischen Systemen des Nahen Ostens sich sonst nicht engagieren würden. Ebenso sticht er die traditionellen Gelehrten aus, die oftmals wirklichkeitsfern oder belehrend auf die Jugendlichen wirken.
Amr Khalids bekannteste Sendung ist „Sunna al-Hayat" („Lebensgestalter"), in der er brandaktuelle Themen wie Arbeitslosigkeit oder Umweltschutz aufgreift. Mit einer geschickten Mischung aus religiöser und universeller Argumentation gibt er konkrete Anleitungen zu moralisch richtigem Handeln, damit das Publikum mit zivilgesellschaftlichem Engagement etwas zur Verbesserung der jeweiligen Situation beitragen kann. In verschiedenen Staaten des Nahen Ostens entstanden daraufhin tatsächlich vielfältige Initiativen aus dem Publikum heraus.
Während sowohl die säkularisierten Gesellschaften Europas als auch die Vertreter der islamischen Orthodoxie die Hinwendung zu diesem Baukastensystem aus religiösen und popkulturellen Versatzstücken eher argwöhnisch als Verwässerung der Religion beäugen, wird sie für die islamische Welt als durchaus positiv bewertet, denn Religion wird durch die Amr Khalids popularisiert, personalisiert und von orthodoxem Ballast befreit. Die Regierungen im Nahen Osten und auch die traditionellen religiösen Institutionen haben zunächst die neuen Prediger abgelehnt - die Regierungen aus Angst vor zu viel politischem Engagement in der Bevölkerung, das sie bei ihrer wenig demokratischen Politik in Erklärungszwänge bringen könnte - die traditionellen religiösen Autoritäten, weil sie um ihre eigene Vormachtstellung bei der Vermittlung der Religion fürchteten. Amr Khalid wurde von der ägyptischen Regierung beispielsweise 2002 des Landes verwiesen. Aufgrund seines großen Erfolgs haben sich nunmehr sowohl al-Azhar als auch der ägyptische Staat mit ihm arrangiert - öffentlich predigen darf er aber in Ägypten noch immer nicht.
Website
Auf Amr Khalids Website werden die vielfältigen Aktionen in aller Welt protokolliert und koordiniert. Etliche seiner Sendungen und Reden werden von freiwilligen Mitarbeitern in bisher 18 Sprachen übersetzt. Hier sind einige Dokumente auf Deutsch zugänglich.
Sunna al-Hayat („Lebensgestalter")
Die Sendung „Sunna al-Hayat" („Lebensgestalter") lief als Projekt über mehrere Monate. In jeder Sendung wurde ein aktuelles soziales Thema besprochen. Hier ist ein Transkript der Sendung protokolliert, in der es um Arbeitslosigkeit und ihre Vermeidung geht, zu der jeder Einzelne einen kleinen Beitrag leisten kann.
Ala Khata al-Habib ("Auf den Spuren des Propheten")
In der Sendung „Ala Khata al-Habib" („Auf den Spuren des Propheten") vom 22. März 2006 auf dem Sender Iqra geht es darum, Gutes zu tun und dies auch der Öffentlichkeit kund zu tun, damit sich gute Taten fortsetzen. Amr Khalid verweist auf die Entstehungsgeschichte eines koranischen Verses, um diese These zu rechtfertigen. Er sagt, dass zwei arme Muslime zu Zeiten des Propheten Muhammad einen Gast hatten, dem sie um der Gastfreundschaft willen alles auftischten, was das armselige Haus zu bieten hatte und selbst lieber hungrig zu Bett gingen, als den Gast hungern zu lassen. Sie sprachen nicht über diese gute Tat, aber Gott selbst hatte sie dem Propheten offenbart und somit öffentlich gemacht.
Für seine eigenen Projekte leitet Amr Khalid deshalb ab, dass Wohlfahrts-Aktionen so viel Publicity wie nur möglich bekommen sollen, damit sich andere daran ein Beispiel nehmen und genauso handeln.
Außerdem bezieht er die Parabel vom Kalifen Uthman, der als reicher Mann eine der wenigen Quellen kaufen konnte und das Wasser umsonst an die Muslime abgab, auf die heutige Zeit und animiert die reichen Männer der Wirtschaft, Ärmere an ihrem Reichtum teilhaben zu lassen. Zuletzt hebt er das Engagement junger Muslime aus der Zeit des Propheten hervor, die ihr Können an andere weitergaben, um so produktiver zu werden und selbstständiger in ihrer Wirtschaftskraft.


