| Fernsehmufti |
Yusuf al-Qaradawi ist ein „alter Hase" als Fernsehmufti und der derzeit wohl bekannteste. Der Pionier der Popularsierung des Islam tritt seit 1973 regelmäßig in TV-Sendungen zum Islam auf. Als Absolvent der Azhar-Universität in Ägypten und Autor zahlreicher Bücher gilt er als große religiöse Autorität. Aus Ägypten wurde er jedoch bereits in den 1960er Jahren wegen seiner Nähe zur dort verbotenen islamistischen Muslimbruderschaft ausgewiesen. Seitdem lebt er in dem kleinen Emirat Qatar und hat dort auch ein islamisches College gegründet.
Qatar ist auch der Sitz des arabischen Nachrichtensenders al-Jazeera, mit dem al-Qaradawi 1996 gemeinsam die Sendung „al-Scharia wa al-Hayat" („Das islamische Gesetz und das Leben") konzipierte, die ihn in aller Welt bekannt machte. Jede Sendung widmet sich einem bestimmten Themenbereich, mal wird über die Pilgerfahrt diskutiert, mal über Umweltschutz, mal über die Teilnahme des Einzelnen am politischen Leben, mal über innerfamiliäre Beziehungen - für Qaradawi gibt es keine Tabus. Sein Verständnis vom Islam ist, dass der Islam ein allumfassendes Wertesystem ist, das Alltag, Religion und Glauben strukturiert. Aus diesem Verständnis heraus sieht er sich in der Lage, alle möglichen Themen mit islamischer Argumentation bearbeiten zu können. Im Studio befinden sich in der Regel nur Qaradawi und der Moderator, der eine Einleitung zum Thema gibt. Dann können Zuschauer anrufen und ihre Fragen zu diesem Themenfeld stellen.
Seine herausgehobene Stellung in den Medien nutzt er, um sich zu aktuellen politischen Problemen und Ereignissen aus religiöser Sicht zu äußern. Gerade das macht ihn heftig umstritten - vor allem von Seiten Israels und der USA wird ihm Hetze gegen den Westen vorgeworfen, aber auch von Seiten radikaler Islamisten, die seine Islamauslegungen für zu liberal halten. So zwischen den Fronten stehend, erteilte er beispielsweise kontroverse Fatwas zu Selbstmordattentaten: Palästinenser, die gegen die israelische Besatzung kämpften und damit islamischen Boden verteidigten, hätten durchaus das Recht, sich in die Luft zu sprengen. Den Attentätern des 11. September oder Militanten im Irak spricht er aber dieses Recht ab.
Am 21. März 2006 wird eine Freitagspredigt von ihm ins Netz gestellt, in der er auf die konfessionellen Konflikte im Irak eingeht: „Es ist weder im Sinne der Schia noch der Sunna, dass im Irak Kampfhandlungen ausbrechen. Der Glauben ist bedeutsam für die Verständigung zwischen den Muslimen. Es gibt keinen Glauben in den Herzen, wenn Muslime Muslime töten. Im Hinblick auf den Irak sind wir in einer Zeit, wo niemand sagen kann, wer das Feuer entzündet hat, wer den eingekreisten Muslimen auflauert und wer Ränke gegen beide - Sunniten und Schiiten - schmiedet. Wenn das Feuer ausbricht, dann frisst es alle! Das würde weder den Sunniten noch den Schiiten gut tun."
Weitere aufschlussreiche Informationen über die Person Yusuf al-Qaradawis finden sich in einem Artikel der Islamwissenschaftlerin Bettina Gräf auf http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-468/_nr-323/i.html.

- Logo der Sendung „al-Scharia wa al-Hayat“
Ein kurzer Mitschnitt aus der Sendung "al-Scharia wa al-Hayat" vom 19. März 2006 thematisiert, wie Muslime dazu beitragen können, Hunger und Elend in der Welt zu mindern. Unter Bezug auf einen Vers aus dem Koran appelliert Qaradawi an die Gläubigen, sich aktiv für eine Verbesserung der Situation Leidender einzusetzen. Als Grundlage für seine Argumentation dient ihm außerdem die islamische Pflicht, Spenden an Ärmere zu verteilen (zakat). Bereits im Vorspann zur Sendung wird deutlich, dass hier sehr weltliche und politische Probleme zur Sprache kommen sollen.


