| Traditionelle und moderne Fatwa-Erteilung |
Wer eine Frage in religiösen Angelegenheiten hat, kann in die Moschee zu einem Gelehrten gehen und sich beraten lassen. Eine der höchsten Instanzen war dabei über die Jahrhunderte die Azhar-Moschee in Kairo.
Ein normaler Vormittag in der Fatwa-Abteilung der Moschee sieht in etwa so aus: Durch die hohen Räume, die wie das Innere einer Kirche anmuten, wuseln zahllose Gelehrte. Zwischen ihnen immer wieder Gläubige in ehrerbietiger Haltung, die Sicherheit darüber erlangen wollen, ob ihre Lebensführung denn auch in religiös sanktionierten Bahnen verläuft. Aber selbst wenn diese Ratsuche bei einigen einer Beichte nahe kommt - hier ist alles anders als in einer mitteleuropäischen Kirche. Junge und alte, bärtige und bartlose, in sich ruhende und aufbrausende Scheichs stehen bereit, Lebenshilfe mit Koran, Sunna und ihrem Weltverständnis zu erteilen. Je interessanter das Problem, um so mehr Scheichs hören mit, drängen sich im Kreis und diskutieren lautstark, um sich dann abrupt wieder anderen Themen zuzuwenden. Jeder Muslim kann kommen - die Beratung kostet nichts.
In den letzten Jahren hat die Besucherzahl allerdings abgenommen. Die Konkurrenz aus Fernsehen und Internet ist so stark geworden, dass sich auch die traditionelle Azhar auf neue Vermittlungsformen einlassen musste.
Beispiel: islamisches Telefon
Folgerichtig gibt es seit 2000 auch die internationale Hotline „Islamisches Telefon". Dahinter steckt die Idee, die Kompetenz der Azhar-Muftis so aufzubereiten, dass diese auch im Medienzeitalter bei den Gläubigen ankommt.
Seit der Lancierung vor sechs Jahren sind mehr als eine Million Anrufe beim „Islamischen Telefon" eingegangen, 500 pro Tag. Drei Minuten hat jeder Anrufer Zeit, seine Frage zu stellen oder sein Problem zu schildern, dann schaltet das Band automatisch ab. Man bekommt eine PIN-Nummer, mit der man sich am nächsten Tag die Antwort des Scheichs wiederum vom Band anhören kann.
In der Zwischenzeit greifen die Scheichs per Telefon auf eine Datenbank zu, suchen sich die Fragen aus, die sie interessieren und bei denen sie sich auskennen, und sprechen ihre Antworten auf Band. Die Gelehrten am anderen Ende der Leitung sind allesamt Azhar-Absolventen, haben also eine umfassende religiöse Ausbildung erfahren. Etliche wurden von den Betreibern angesprochen, rund 20 haben sich zur Mitarbeit bereit erklärt und erhalten dafür auch einen Obolus. Die Hotline wurde von den obersten Instanzen der al-Azhar abgesegnet.
Die meisten Fragen drehen sich entweder um religionspraktische Themen oder um den Dauerbrenner Geschlechterbeziehungen; ebenso wollen aber Erbschaftsangelegenheiten geklärt oder mal eben die Bedeutung eines bestimmten Koranverses erläutert werden. 60 Prozent der Anrufer sind Frauen, die sich am Telefon anonym und schnell rückversichern wollen, ob es beispielsweise religiös erlaubt ist, mit ihren Universitätskommilitonen auszugehen oder Poster von Popstars aufzuhängen.






