| Traditionelle und moderne Fatwa-Erteilung |
Ein normaler Vormittag in der Fatwa-Abteilung der Moschee sieht in etwa so aus: Durch die hohen Räume, die wie das Innere einer Kirche anmuten, wuseln zahllose Gelehrte. Zwischen ihnen immer wieder Gläubige in ehrerbietiger Haltung, die Sicherheit darüber erlangen wollen, ob ihre Lebensführung denn auch in religiös sanktionierten Bahnen verläuft. Aber selbst wenn diese Ratsuche bei einigen einer Beichte nahe kommt - hier ist alles anders als in einer mitteleuropäischen Kirche. Junge und alte, bärtige und bartlose, in sich ruhende und aufbrausende Scheichs stehen bereit, Lebenshilfe mit Koran, Sunna und ihrem Weltverständnis zu erteilen. Je interessanter das Problem, um so mehr Scheichs hören mit, drängen sich im Kreis und diskutieren lautstark, um sich dann abrupt wieder anderen Themen zuzuwenden. Jeder Muslim kann kommen - die Beratung kostet nichts.

- Gläubige Musliminnen sitzen im Innenhof der Azhar Moschee und lesen im Koran. Foto: Nina Schüssler

- Das Innere des Gebetsraums mit dem Mihrab – einer Nische in der Wand, die die Gebetsrichtung gen Mekka anzeigt. Foto: Nina Schüssler
In den letzten Jahren hat die Besucherzahl allerdings abgenommen. Die Konkurrenz aus Fernsehen und Internet ist so stark geworden, dass sich auch die traditionelle Azhar auf neue Vermittlungsformen einlassen musste.
Beispiel: islamisches Telefon
Seit der Lancierung vor sechs Jahren sind mehr als eine Million Anrufe beim „Islamischen Telefon" eingegangen, 500 pro Tag. Drei Minuten hat jeder Anrufer Zeit, seine Frage zu stellen oder sein Problem zu schildern, dann schaltet das Band automatisch ab. Man bekommt eine PIN-Nummer, mit der man sich am nächsten Tag die Antwort des Scheichs wiederum vom Band anhören kann.
In der Zwischenzeit greifen die Scheichs per Telefon auf eine Datenbank zu, suchen sich die Fragen aus, die sie interessieren und bei denen sie sich auskennen, und sprechen ihre Antworten auf Band. Die Gelehrten am anderen Ende der Leitung sind allesamt Azhar-Absolventen, haben also eine umfassende religiöse Ausbildung erfahren. Etliche wurden von den Betreibern angesprochen, rund 20 haben sich zur Mitarbeit bereit erklärt und erhalten dafür auch einen Obolus. Die Hotline wurde von den obersten Instanzen der al-Azhar abgesegnet.
Die meisten Fragen drehen sich entweder um religionspraktische Themen oder um den Dauerbrenner Geschlechterbeziehungen; ebenso wollen aber Erbschaftsangelegenheiten geklärt oder mal eben die Bedeutung eines bestimmten Koranverses erläutert werden. 60 Prozent der Anrufer sind Frauen, die sich am Telefon anonym und schnell rückversichern wollen, ob es beispielsweise religiös erlaubt ist, mit ihren Universitätskommilitonen auszugehen oder Poster von Popstars aufzuhängen.



