Weibliche Imame

Eine religiöse Besonderheit in China sind weibliche Imame (chines. ahong - vom Persischen akhong), die in speziellen Frauenmoscheen lehren. Der folgende Text ist ein Ausschnitt aus den Aufzeichnungen von Yang Yinlian, einer ahong in der Stadt Harbin:

"Seitdem ich als nü ahong [„weiblicher Imam", verantwortlich für die religiösen Angelegenheiten von Frauen innerhalb einer Männermoschee] eingesetzt wurde, habe ich nie in dem Prinzip geschwankt, das Vaterland und unsere Religion zu lieben. [...]

Eine Moschee ist ein Ort, an dem die ahong predigen und muslimische Gläubige am Gebet teilnehmen. Sie bieten nicht nur Muslimen treue Dienste an, sondern sind auch ein Ort, um die allgemeinen und besonderen Strategien der Kommunistischen Partei zu verbreiten. Um eine qualifizierte nü ahong zu sein, muss man das eigene Verhalten von den Prinzipien der Vaterlands- und Religionsliebe leiten lassen und für die Mitmenschen ein Beispiel moralischen Tuns sein - das heißt, sich mit allen Kräften bemühen, Muslimen zu helfen, ihre persönlichen Probleme zu lösen und Schwierigkeiten zu überwinden.[...]

Als unser altes Haus wegen städtebaulicher Sanierungsmaßnahmen niedergerissen wurde, hat man mir ein neues im Daoli-Viertel, gleich neben dem Haus meines Sohnes angeboten. Jedoch: Ich habe es mit einer anderen Person getauscht, die ein Haus näher an unserer Moschee im Daowai-Viertel besaß, weil ich fühlte, dass mir diese Annehmlichkeit und die gesparte Zeit es ermöglichen würden, anderen Menschen noch besser zu dienen. Ich sehe die Moschee als mein zweites Haus an und verbringe dort jeden Tag ca. zehn Stunden mit Arbeit. Ich gehe immer früh hin und spät zurück nach Hause, um sicherzustellen, dass Jedem, der zur Moschee kommt, schnell gedient werden kann. [...]

Nach dem Koran ist die Waschung des Leichnams vor dem Begräbnis eine der vorgeschriebenen religiösen Riten. Es ist die schmutzigste und ermüdendste aller Arbeiten, aber erfordert immer die größte Sorgfalt und Verantwortungsgefühl. [...] Was immer auch vorkommt, ich muss jeden Leichnam mit der gleichen Sorge waschen, und ich gestatte mir nie eine Spur von Nachlässigkeit. [...]

In den letzten Jahren habe ich mir jegliche erdenkliche Mühe gegeben, die Rufe der Partei und der Regierung zu erhören. [...] Wenn mir Personen aus anderen Landesteilen schreiben, dass sie Geld für den Bau oder die Reparatur ihrer Moscheen benötigen, habe ich nie gezögert, ihnen Geld zu senden. Bisher habe ich über 10.000 Yuan (= ca. 1000EUR) gespendet, von Kleidung abgesehen (die ich auch gespendet habe). [...]

Ich habe oft mit Muslimen diskutiert, wie wir die Unterhaltskosten für unsere Moschee senken können. Alle erklärten sich bereit, etwas Geld für eine Waschmaschine für den Waschungsraum zu kaufen. Damit können wir oft die Vorhänge, gemeinsamen Handtücher und die Teppiche in der Gebetshalle waschen und so die allgemeine und persönliche Hygiene und Gesundheit verbessern. [...]

Da die meisten Hui verstreut leben und ihren eigenen Lebensstil pflegen, ist es schwierig für sie, eine/n Partner/in zu finden, das ist eines der derzeit wichtigsten sozialen Probleme. Ich habe darin sehr viel Erfahrung. Obwohl die Regierung bereits mehrmals versucht hat, in der Moschee eine Partnervermittlung zu schaffen, um das Problem zu lösen, hat das nicht gut funktioniert. Daher habe ich versucht, meine Freunde und Verwandten sowie meine umfangreichen Beziehungen mit den Hui-Massen zu nutzen. Im Ergebnis habe ich sechs oder sieben jungen Paaren bei der Eheschließung geholfen. [...]

Wenig Schulbildung und relativ schwache Arbeitsfähigkeiten sind daran schuld, dass ich Fehler und Fehleinschätzungen nicht vermeiden kann. Wie schon das alte Sprichwort sagt: Es gibt auf der Welt keinen perfekten Menschen. Wenn ich einmal erkenne, dass ich einen Fehler gemacht habe, oder wenn er durch die Führungskräfte oder andere Personen angesprochen wird, zögere ich nicht, ihn zu korrigieren. Ich werde meine Schwächen überwinden und immer dazu bereit sein, die guten Ratschläge anderer Personen anzunehmen. Ich kann Ihnen nur versichern, dass ich immer bereit sein werde, meine Fehler zu verbessern."


(Quelle:Jaschok, Maria and Jingju Shui. The History of Women's Mosques in Chinese Islam. Richmond, Surrey: Curzon Press, 2000, S. 287-292, Übersetzung aus dem Englischen: C. Schneider)