Was ist passiert?

Am 1. Juli 2009 wurde die Apothekerin Dr. Marwa El-Sherbini im Dresdner Amtsgericht ermordet. Der Angeklagte Alex W. hatte die Ägypterin und ihren Ehemann im Gerichtssaal mit mehreren Messerstichen schwer verletzt. Frau El-Sherbini starb noch im Gerichtssaal vor den Augen ihres Sohnes. Ihr Mann, der sie vor den Messerstichen schützen wollte, hat überlebt.

In dem Gerichtsverfahren in zweiter Instanz ging es um eine Anklage gegen Alex W., der Frau El-Sherbini auf einem Spielplatz mit den Worten „Schlampe“, „Islamistin“ und „Terroristin“ beleidigt hatte. Während des Prozesses am 1. Juli äußerte der Täter sich erneut geringschätzig ihr gegenüber, verwies auf die NPD und darauf, dass die aus Ägypten stammende El-Sherbini in Deutschland kein Existenzrecht habe. Der 2003 aus Russland eingewanderte Deutsche erstach sein Opfer mit 18 Messerstichen. Ein hinzu gerufener Polizist schoss ihrem Ehemann ins Bein – wahrscheinlich, weil er ihn für den möglichen Täter hielt. Elwi Ali Okaz hatte versucht, unter Einsatz seines Lebens seine Frau zu retten.

Marwa El-Sherbini mit ihrem Sohn auf dem Spielplatz. Quelle: www.marwaelsherbiny.com

Obwohl die Staatsanwaltschaft Frau El-Sherbini in der Sache unterstützte und ihr zu ihrem Recht verhalf, wurde die Brisanz des Falles unterschätzt. Dies geht etwa aus dem Bericht in der Süddeutschen Zeitung (online) vom 1. Juli 2009 hervor, in dem von einem „banalen“ und „unspektakulären Verfahren“ gesprochen wurde, was auf die Erwartungshaltung der Staatsanwaltschaft hindeutet (vgl. den Artikel „Bluttat im Gerichtssaal“ vom 1.07.2009 unter www.sueddeutsche.de).

In einem viel zu kleinen Raum und ohne Sicherheitsvorkehrungen – wie etwa die Anwesenheit eines Polizisten – fand die Verhandlung statt, obwohl Alex W. bereits bei der ersten Vernehmung zum Sachverhalt äußerte: „Wenn ich Waffen oder Sprengstoff gehabt hätte, hätte ich die mit hierher gebracht.“ (vgl. etwa Focus-online vom 13.07.2009 unter www.focus.de). Wie erst Ende Oktober herauskam, hatte Alex W. zudem schon lange vor der Tat in einem Brief an das Dresdener Amtsgericht seine islamfeindliche Einstellung offen gelegt. In dem Brief bezeichnet er den Islam als eine „verrückte, gefährliche Religion“ und die Anhänger des Islam als „Islamisten“, die Deutschland „nach ihren verrückten Vorstellungen verändern“ wollten. Niemand könne von ihm erwarten, „dass ich meine Feinde in meiner Nähe dulden muss“; falls diese trotzdem „in meine private Sphäre eindringen wollen, werde ich schnell nervös“ (vgl. www.sueddeutsche.de vom 28.10.2009).

Der Tathergang wirft viele Fragen auf, die im Nachhinein auch in Medienbeiträgen gestellt wurden. Einige davon finden sich in der folgenden Zusammenstellung (vgl. u. a. Tagesspiegel und Telepolis vom 7.07.2009):

  • Wie leicht kann man hierzulande in ein Gericht Messer einschleusen, wenn man demgegenüber beispielsweise bei jeder Flughafenkontrolle zu sehr gefüllte Milchfläschchen abgeben muss?

  • Wie kann ein Angeklagter in einem Gerichtssaal 18 Mal auf eine Zeugin einstechen, ohne dass ihm jemand wirksam in den Arm fällt?

  • Wie konnte der Täter selbst den anscheinend einzigen Helfer, den Ehemann von Marwa El-Sherbini, noch lebensgefährlich verletzen?

  • Wieso schoss der schließlich aufgetauchte Polizeibeamte nicht auf den Täter, sondern auf den ägyptischen Ehemann?

  • Warum war der Tod einer Kopftuchträgerin, die nicht Opfer eines Ehrenmords wurde, eine Woche lang nur eine kurze Meldung in den Nachrichtenagenturen und auch für die politischen Institutionen kein Grund, sich zu äußern?

  • Es gab viele Anzeichen dafür, dass der Täter mit Hass auf die Muslimin erfüllt war. Wie unempfindlich sind schematische deutsche Sicherheitsvorkehrungen gegenüber Einzelfällen?

  • Hegen deutsche Polizisten Vorurteile gegen Schwarzhaarige? Oder warum haben sie zunächst den dunkelhaarigen Ehemann angegriffen und nicht den blonden Messerstecher?

  • Hat der Schuss des Polizisten eventuell verhindert, dass Marwa El-Sherbini gerettet werden konnte?